Meine Meinung / Unser Urteil

Mercedes-Benz Tourismo M/2, Supertest

Der Abstandsregeltempomat (ART) arbeitet zufriedenstellend. Allerdings ist man als Fahrer deutlich besser in der Lage, den Bus komfortabel zu fahren. So reagiert der ART auf langsame Fahrzeuge recht unterschiedlich, mal wird die Geschwindigkeit unmerklich gedrosselt, mal fährt der Bus gefühlt zu schnell und zu dicht auf den Vordermann auf, sodass ein nickfreies Fahren der Fahrgäste nicht mehr gewährleistet ist. Das fiel besonders bei langsameren Geschwindigkeiten auf, beispielsweise im Baustellen­bereich. Allerdings erfolgt die automatische Abstands­regelung immer noch deutlich komfortabler, als es beispielsweise in den meisten Pkw der Fall ist – hier dürften die größere Masse und entsprechende Trägheit eine Rolle spielen.

Der Tourismo ist beim Beschleunigen kein Sprinter. Gefühlt lässt sich der Bus jede Menge Zeit und tatsächlich steckt dahinter eine Strategie. Übertritt der Fahrer nämlich nicht den Kick-down-Punkt, dann wird stets versucht, so effizient wie möglich anzufahren. So fiel auf, dass relativ früh hochgeschaltet wird, um hohe Drehzahlen zu vermeiden. Das funktioniert gut. Dennoch ist durch die progressive Spreizung des Powershift-Getriebes stets ein optimaler Fahrfluss zu beobachten. Je nach Anforderung bestimmt also der Fahrer am Ende, wie gefahren wird.

Der Fahrgastraum ist eine Mischung aus Hausmannskost und Retro-Schick im modernen Gewand. Gerade einmal 48 Fahrgastsitzplätze hatte der 13 Meter lange Testbus an Bord, das ergibt üppig Beinfreiheit. Dazu kommt ein Kofferraumvolumen von knapp über 12 Kubikmetern. Der Testbus hatte nur10,9 Kubikmeter, da ein WC verbaut war, dennoch: „Was für ein Platz-Luxus“, dürfte an dieser Stelle wohl so mancher Doppeldecker-Fahrer ausrufen. Ist das Gepäck verstaut, geht’s nach innen. Eine zeitgemäße LED-Trittstufen beleuchtung weist den Weg. Wer will, kann dazu einen beleuchteten Mercedes Benz-Schriftzug ordern, das macht dann gewaltig Eindruck, beispielsweise bei asiatischen Reise­gruppen, die bekanntermaßen eine Vorliebe für Mercedes Busse haben. Decken und Wände sind zum größten Teil mit Stoff bezogen, das verleiht dem Innenraum einen wohnlichen Charakter. Recht nüchtern sind die balkenförmigen Leuchten an der Decke, sie stehen im krassen Gegensatz zu den Bemühungen anderer Bushersteller, die Beleuchtung nur noch indirekt auszuführen. Aber warum nicht – die Leuchten leuchten hell und besitzen in Nachtlicht-Stellung eine durchaus angenehme Lichtfarbe. Sehr edel wirken die Polster der Sitze. Dabei handelt es sich um die Softline-Bestuhlung mit einem abgesteppten Rautenmuster. Diese Absteppung verleiht den Sitzen einen edlen Touch. Dazu passen auch recht gut die neuen Service-Sets, allerdings wirkten die LED-Lesespots einen Tick zu dunkel. Ansonsten war im Testbus verbindungstechnisch alles verbaut, was Sinn macht. So gibt es einen Coach Media Router mit Einschüben für Sim-Karten. Diesen können die Fahrgäste sowohl nutzen, um damit WLAN zu erhalten, als auch auf auf eigenen Endgeräten ein Bordprogramm verfolgen zu können. USB-Steckdosen an den Seitenwänden sorgen für ausreichend Energie, allerdings benötigt der gangseitig sitzende Fahrgast dann auch ein entsprechend langes USB-Kabel. Hier ist wohl doch eine USB-Lösung zwischen den Sitzen vorzuziehen. Der Testbus hatte zusätzlich pro Doppelsitz eine 230-Volt-Steckdose verbaut.

Meine Meinung: Auf die Frage, in welche Kategorie ein Tourismo eingeordnet werden sollte, lässt es sich nicht so einfach antworten. Weder ist es ein Luxusbus noch ein einfacher Bus zum „nur Geldverdienen“. Die inneren Werte sind ausgezeichnet, kaum ein Wettbewerber kommt in Sachen Kraftstrang, Fahrwerk oder Sicherheit an den Tourismo heran. Dafür aber fehlen Komfortmerkmale wie edle Extras vom Schlage eines Glasdaches, ein gehobenes Innenraum-Ambiente oder raffinierte Heizungs-Lösungen. Ihn deswegen aber zum schnöden Arbeitstier zu degradieren, wäre zu kurz gedacht. Der Tourismo ist der Travego 2.0. Es gilt: Weniger ist mehr, dieses Mehr ist dafür umso reichhaltiger.

Unser Urteil: Mit dem Tourismo hat nun auch Mercedes-Benz einen Bus im Reisebus-Programm, der die hauseigene Konkurrenz mit Setra nicht zu scheuen braucht. Wer Wert auf den Stern an der Front legt, zugleich aber keine Kompromisse bei Wirtschaftlichkeit, Antrieb und Sicherheit machen will, wird hier fündig. Und zwar ohne Wenn und Aber. Gut, 300.000 Euro sind kein Schnäppchen, doch dafür ist das Geld gut angelegt, und spätestens beim Wiederverkauf hat man gut lachen. Fahren lässt sich dieser Bus – auch mit dem langen Radstand – hervorragend. Das geringe Leergewicht bei zwei Achsen auf 13 Metern Länge lässt viel Raum für hohe Flexibilität beim Einsatz. Der Tourismo ist ein schnörkellöses Fahrzeug, das jedoch garantiert seine Fans unter Fahrern, Unternehmern und Fahrgästen finden wird.

(sab)


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