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Alles easy, oder was?

© Foto: Andreas Heise

Breiterer Mittelgang, spezielle Rollatoren-Plätze und auffällige Bodenmarkierungen: Mit dem „Easy Bus“ will Iveco Bus eine Antwort auf den demografischen Wandel geben. Die OMNIBUSREVUE war bei der Vorstellung des Proto­typen im Kundencenter Ulm vor Ort.


Datum:
23.07.2018
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Rollatoren, Rollstühle, mobilitätseingeschränkte Fahrgäste – durch das Altern der Bevölkerung werden Verkehrsunternehmen vor neue Herausforderungen gestellt. Und das Thema wird künftig noch an Brisanz gewinnen. Zeit zu handeln, dachten sich Iveco Bus sowie die zwei Projektpartner DB Regio Bus und die Hochschule Fresenius.

Im ersten Schritt untersuchte die Hochschule, welche Kräfte auf Passagiere eines Stadtbusses wirken und wie Menschen nach einem Sitzplatz im Bus suchen. Ergebnis: Bis zu 169 Prozent des eigenen Körpergewichts können auf jemanden wirken, der in einem Stadtbus stehend mitfährt – Kurvenfahrten noch nicht einmal berücksichtigt. Beim Ein- und Aussteigen brauchen ältere Menschen außerdem doppelt so lang wie jüngere, mobilitätseingeschränkte Fahrgäste benötigen dann noch einmal doppelt so lang wie ältere Menschen. Während der Untersuchungen zeigte sich auch, dass speziell ältere Menschen durch verschiedene Faktoren wie ein eingeschränktes Sehfeld langsamer einen geeigneten Sitz im Stadtbus finden. Zudem sind Signalfarben richtig einzusetzen, da sie die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und im Umkehrschluss auch ablenken können.

Auf Basis der Ergebnisse entstand der „Easy Bus“, ein zwölf Meter langer Iveco Crossway LE mit 64 Steh- und 37 Sitzplätzen, der bis zur Hinterachse beziehungsweise zum Hochboden eine neue, bisher einzigartige Innenraumgestaltung erhielt. An Tür 1 halten ein verbreiterter Einstieg (1.200 mm) und eine manuelle Klapprampe Einzug. Dies hat auch psychologische Gründe, da es mobilitätseingeschränkten Menschen oft wichtig ist, beim Einsteigen vom Fahrer wahrgenommen zu werden. Es ist das gefühlte Plus an Sicherheit. Damit sich der Fahrgast mit seinem Rollator aber auch im Bus mühelos fortbewegen kann, verbreiterte Iveco den Durchgang von vorne nach hinten. An der schmalsten Stelle misst er immer noch fast 70 Zentimeter. Nachteil aus Betreibersicht: Auf einer Seite ist dadurch nur noch Einzel- statt Doppelbestuhlung möglich.

Besonders interessant gestaltet sich der Mittelteil. Relativ gewöhnlich wirkt noch der Kinder-/Rollstuhlwagen-Platz samt zwei Klappsitzen an Tür 2. Auffälliger sind die gelben Bodenmarkierungen, die älteren und mobilitätseingeschränkten Fahrgästen als Wegweiser dienen sollen. In Richtung Vorderwagen findet sich rechts ein spezieller Rollatoren-Platz, an dem man stehend wie sitzend Platz findet. Dahinter folgen zwei gegenüberliegende Einzelsitze, die durch ein Podest erhöht liegen. Dadurch lässt sich auf ihnen besonders bequem Platz nehmen. Kein „in den Sitz reinfallen lassen“ – man gleitet eher auf das Gestühl. Auch das Aufstehen geht leichter. Eine Befestigung für Krücken ergänzt die Ausstattung. Gegenüber finden sich drei durch Piktogramme gekennzeichnete Sitze. Auch sie sind mobilitätseingeschränkten Personen vorbehalten. Dem Platz am Gang gegenüber befindet sich nur ein Anlehnbrett – dort kann der Fahrgast einen Rollator abstellen. Dass derjenige damit den am Fenster sitzenden Passagieren den Weg versperrt, ist schnell ersichtlich. Doch irgendwo muss auch der „Easy Bus“ Abstriche machen. Die Sitze an der Innenwand quer zur Fahrtrichtung anzubringen, wäre ein Gedanke. Doch zum einen sitzen viele Menschen gerne in Fahrtrichtung, zum anderen besteht bei dieser Idee die Gefahr, dass der Fahrgast sich bei einer Bremsung nicht auf dem Sitz halten kann – besonders bei älteren Menschen ein zu großes Risiko.

Generell wird der „Easy Bus“ erst im anspruchsvollen Alltagseinsatz zeigen, ob das Konzept aufgeht. Wenn beispielsweise stehende Fahrgäste zusteigenden, mobilitätseingeschränkten Personen erst einmal den Weg zu den vorgesehenen Sitzen versperren. Genauso wird sich herausstellen, ob jeder Fahrgast die Linien am Boden und Piktogramme auf den Sitzen überhaupt auf Anhieb versteht. Das wissen auch die Projektverantwortlichen und geben zu bedenken, dass es sich beim vorgestellten Fahrzeug um das erste seiner Art handelt und das Konzept weiter optimiert wird. So lässt sich unter anderem über die Farbgebung diskutieren und die Frage, wo welche Farbe zur Orientierung eingesetzt werden sollte.

© Foto: Andreas Heise

Wie es weitergehen soll ...

Auf einem guten Weg befindet sich das Projekt aber. Iveco Bus stellte auch den Prototypen eines neuen Sitzes vor. Gasdruckdämpfer sorgen dafür, dass die Sitzfläche dem Fahrgast beim Hinsetzen quasi entgegenkommt. Beim Aufstehen wiederum hat das System eine unterstützende Wirkung. Wer die Sitzprobe macht, merkt den Unterschied sofort. Einzig auf die richtige Einstellung der Dämpfer ist zu achten – dass sie nicht zu schwach, aber auch nicht zu stark unterstützen. Im Easy Bus sollen mit den neuartigen Sitzen die drei gekennzeichneten Plätze ausgestattet werden, die nicht auf einem Podest stehen. In einem ersten Test mit Fahrgästen konnte der „Easy Bus“ punkten. Die Ein- und Aussteigezeiten ließen sich im Vergleich zu einem gewöhnlichen Linienbus verringern. Auch das Hinsetzen und Aufstehen gingen schneller. Weitere Tests sollen folgen. Jetzt liegt es natürlich an der Politik und den Stellen, die Verkehre ausschreiben, solche Konzepte zu fördern. Denn ein Vergleich des „Easy Bus“ mit einem standardmäßigen Crossway LE, der ebenfalls in Ulm zu sehen war, zeigte die „Schattenseite“ des Konzepts. Finden sich im Prototypen bis zum Hochboden insgesamt elf Sitzplätze und drei Klappsitze, so ist in diesem Bereich im Standardfahrzeug Platz für 18 Sitzplätze und vier Klappsitze. Rein wirtschaftlich gesehen verliert der Flottenbetreiber somit erst einmal nur Fahrgastkapazität. Die DB Regio Bus geht aber mit gutem Beispiel voran und will den „Easy Bus“ diesen Sommer im Landkreis Aschaffenburg auf Linie schicken. (ts)
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