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Scania Citywide LF: Bereit für die Stadt

© Foto: Sascha Böhnke

Mit dem Citywide ist Scania angetreten, im anspruchsvollen ÖPNV-Segment auch hierzulande mehr als nur ­Achtungserfolge einzufahren. Solch ein Vorhaben ist nicht einfach, das wissen auch die Schweden und haben jede Menge Know-how in diesen Niederflurbus gepackt. Die OMNIBUSREVUE schickte den Neuen auf die Teststrecke.


Datum:
28.05.2014
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Dieser Test versprach interessant zu werden. Dafür sorgten verschiedene Vorzeichen. So meldete der schwedische Hersteller erst vor Kurzem, dass 156 Gelenkbusse dieses Typs nach und nach an die Berliner Verkehrsbetriebe geliefert werden. Gut, der Gelenkbus fährt mit einem anderen Motor im Heck, doch grundsätzlich handelt es sich um dieses Fahrzeug. Auf der anderen Seite war im Testbus der neue, kleinste Scania-Busmotor verbaut, wie würde sich dieses „Leichtgewicht" wohl im harten Alltag machen? Doch der Reihe nach:

Äußerlich macht der Citywide einen ausgesprochen guten Eindruck. Markant, fast schon mit breiten Schultern zieht er die Blicke von Passanten wie Busfahrern auf sich und das will in einer verwöhnten Metropole wie Berlin schon was heißen. Für Aufmerksamkeit sorgt sicherlich die große, schwarze Frontblende mit dem unübersehbaren Scania-Schriftzug sowie ein recht eigenwilliges Heck. Eine Heckscheibe gibt es übrigens nicht, wer den Motorraum öffnet, weiß dann auch schnell, weshalb, denn sämtliche Aggregate schmiegen sich schmal und schlank an die Heckwand. Nur keinen Platz im Innenraum verschwenden, scheint das Motto zu sein und es funktioniert. Von der Seite betrachtet, kommt der Citywide recht geradlinig daher – keine gestalterischen Überraschungen.

Der 12-Meter-Bus wiegt leer 11.8000 Kilogramm, das ist ein akzeptabler Wert. Wer Scania kennt, weiß aber auch, dass bei der Herstellung auf einen optimalen Materialmix gesetzt wird. So besteht der Bus aus einem verschraubten Alugerippe, die Trägerelemente/Profile sind pulverbeschichteter Stahl, der Unterboden hat eine Versiegelung erhalten. Gefertigt wird der Bus in Polen, was aber mittlerweile auch niemanden mehr überraschen dürfte.

Betritt man den Bus, empfängt einen ein nüchterner, aber durchaus praxistauglicher Innenraum. Zwar dominiert viel Grau den Fahrgastraum – das können Mitbewerber besser –, doch die Umsetzung kann überzeugen. Rechts vor der Vorderachse gibt es keinen Sitzplatz, das ist ungewöhnlich, resultiert aber schlichtweg aus Platzproblemen. Der gefahrene Bus war mit 23 Sitzplätzen ausgestattet, davon zahlreiche überbreite Einzelsitze. Bei den Sitzen handelt es sich um Scania Ster MX-Sitze, auf Wunsch kann aber auch Gestühl von Kiel geliefert werden. Für eine gute Reinigung sorgt der strapazierbare Fußbodenbelag Polyfloor SF 4020. Während der Fahrt, besonders auf Schlechtwegstrecken, waren allerdings deutliche Knarr- und Knarzgeräusche, speziell aus dem Dachbereich zu vernehmen. Hier könnte der Herstellungsprozess durchaus noch etwas optimiert werden. Denn ansonsten blieb das Fahrzeug im Inneren angenehm ruhig. Der kleine Motor gefiel durch seine Laufruhe und eine nicht zu starke Geräuschentwicklung.


Scania Citywide LF

Bildergalerie

© Foto: Sascha Böhnke

Die Verbrauchswerte waren ein wenig hoch

Den Fahrer erwartet ein sehr moderner Arbeitsplatz. Dabei handelt es sich um eine Scania-VDV-Variante. Der komplette Armaturenträger ist in Neigung und Höhe verstellbar, damit lassen sich alle Körpergrößen abdecken. Sehr schön ist die Umsetzung der Armaturen und Anzeigen, insbesondere des Zentraldisplays gelungen. Sogar einen Drehzahlmesser gibt es, der macht aber nur bedingt Sinn, denn ein manuelles Schaltgetriebe ist im Niederflurbus nicht vorgesehen. Laut Scania ist derzeit auch nur das ZF Ecolife lieferbar, was aber eine gute Wahl darstellt. Denn das Wandlergetriebe schaltet butterweich, ist leise und dank TopoDyn zudem in der Lage, Steigungen oder Gefällestrecken zu erkennen und die Schaltstrategie entsprechend anzupassen. Im anspruchsvollen Berliner Innenstadtverkehr konnte Ecolife absolut überzeugen, auch sensible Fahrgäste werden keinen Grund zum „Meckern" finden. Das dürfte eher der Fahrer, wenn er versucht, Unterlagen, Taschen oder Kugelschreiber irgendwo abzulegen. Das ist nämlich schlicht nicht möglich, Ablagen gibt es nicht. Gut, der Testbus ist für einen italienischen Kunden konfiguriert, dennoch darf bezweifelt werden, dass Italiener nichts zu verstauen hätten. Selbst Überkopf findet sich kein Staufach und auch die Kabinentür bietet gerade mal Platz für eine Mini-Box. Links unter dem Fahrerfenster befinden sich unter anderem die Schalter für die Klimatisierung und Heizung, sowie ein Stück darunter der Hebel der Feststellbremse. Die Fahrersicht nach außen ist ordentlich, lediglich die Sicht in den rechten Außenspiegel könnte umfangreicher ausfallen. Besonders beim Anfahren von Haltestellen muss man schon recht genau schauen, um so dicht wie möglich an den Bordstein zu fahren. Doch auch hier gilt: Weitere Spiegelvarianten sind erhältlich. Dafür aber sitzt man im Citywide recht hoch, was für eine gute Übersichtlichkeit spricht. Wie fährt sich aber nun der Bus? Im Heck war der kleine 7-Liter-Motor verbaut, dabei handelt es sich um einen Sechszylinder nach Euro 6-Norm. Dieser Motor verfügt über eine Common-Rail-Kraftstoffeinspritzung, einen Turbolader mit variabler Geometrie und erreicht die Euro 6-Norm mithilfe der Abgasrückführung (EGR) und der selektiven katalytischen ­Reduktion (SCR), muss also zusätzlich mit AdBlue betankt werden. Gerade einmal 280 PS leistet der kleinste Scania-Busmotor und produziert dabei ein maximales Drehmoment von 1.100 Newtonmetern. Kann das gut gehen? Es kann, denn selbst stark beladen, stellte es kein Problem dar, flüssig im Verkehr und im realen Linienbetrieb mitzuschwimmen. Lediglich das Anfahren wirkte ein wenig zäh, wobei das durchaus auch als subjektive Einschätzung gewertet werden darf. Der Einsatz des vorhandenen Kickdown war jedenfalls nie notwendig. Die Verbrauchswerte waren ein wenig hoch, auf den einzelnen Etappen lag der Durchschnittsverbrauch stets deutlich über der 50-Liter-Marke, doch fairerweise muss darauf hingewiesen werden, dass eine objektive Verbrauchsermittlung nur über einen deutlich längeren Kilometer- und Zeitabschnitt erreicht werden kann. Zusammen mit dem ZF-Ge­triebe ergibt sich mit dem kleinen Motor eine Gewichtsersparnis von immerhin gut 500 ­Kilogramm im Vergleich zum 9-Liter-Aggregat. Im Testbus war der Motor quer eingebaut, im Low Entry kommt dann die Längsvariante zum Einsatz. Wer zum ersten Mal die Motorraumklappe öffnet, wird ein wenig verwirrt sein über das Motorraumlayout, doch spätestens beim Öffnen der hinteren rechten Seitenklappe entdeckt man auch die Keilriemen ­sowie den Kompressor.
© Foto: Sascha Böhnke

Alle Euro 6-Motorvarianten sind Biodiesel-tauglich

Interessant sind vielleicht noch die Wartungsintervalle. Für den Motor betragen diese 45.000 Kilometer, für das Getriebe 240.000 ­Kilometer und der Partikelfilter muss alle 90.000 Kilometer gewartet werden. Eine wichtige Neuheit auf der Busworld war übrigens, dass alle vier Motorvarianten von Scania (320/360/450/490 PS) nicht nur die Schadstoffgrenzwerte von Euro 6 erfüllen, sondern auch mit bis zu 100 Prozent Biodiesel-tauglich sind – das stellt nach eigenen Angaben eine Branchenneuheit für Euro 6 dar. Der neue Motor wurde gemeinsam mit dem amerikanischen Partner Cummins entwickelt, mit dem Scania seit über zwei Jahrzehnten Know-how- und Technologietransfer betreibt, beispielsweise in den Bereichen Einspritzung, Turbolader und Emissionskontrolle. Auf der Fahrt durch die Pylonengasse bei Tempo 40 testet die Omnibusrevue das subjektive Fahrverhalten und die Seitenneigung des Aufbaus. Der Bus ließ sich ohne Probleme durch die Gasse steuern, dabei war allerdings ein deutliches Aufbauwanken zu spüren. Das liegt möglicherweise an einer recht weichen, aber durchaus komfortorientierten Aufhängung. Bei der Vorderachse handelt es sich um eine Scania-Starrachse. Die verrichtet durchaus souverän ihren Dienst, kommt aber in Sachen Fahrstabilität und Abrollkomfort nicht an eine Einzelradaufhängung heran. Die Lkw-Kreisbahn ließ sich problemlos mit Tempo 50 durchfahren, allerdings fing der Bus darüber hinaus deutlich an, über die Vorderachse nach außen zu schieben, viel Spielraum für ein ­sicheres Handling blieb da nicht mehr. Hier würde ESP mit Sicherheit allzu forsche Fahrer einbremsen, das ist aber bisher nicht für den Niederflurbus vorgesehen. Dass es geht, zeigt ja nicht nur Mercedes-Benz mit dem Citaro, sondern auch der konzerneigene Markt­begleiter MAN mit seinen Stadtbussen. Völlig problemlos meisterte der Scania Citywide LF das Anfahren am glatten Berg, hier muss man sich schon ordentlich anstrengen, um die Hinterachse zum leichten Durchdrehen der Räder zu bekommen. Wie bereits erwähnt – die Kraftstrangkombination ist perfekt umgesetzt. Der Bremsweg kann mit 23,7 Metern aus ­Tempo 60 km/h als sehr gut angesehen werden. Zum Supertest der OMNIBUSREVUE gehört stets auch eine Nachtfahrt. Diese offenbarte leichte Schwächen in Sachen Spiegelungen an der Frontscheibe. Doch da diese auch bei hellster Innenraumbeleuchtung nur im oberen rechten Fahrer-Sichtfeld auftreten, sind diese noch akzeptabel. Für die Beleuchtung der ­Einstiege sorgen an den Türen Spotleuchten, die sogar noch ein wenig den äußeren Einstiegsbereich ausleuchten. Die Innenraum­beleuchtung selbst ist ein wenig fantasielos ausgeführt, konventionelle Leuchtbänder, die in zwei Stufen geschaltet werden können, sorgen für ein helles Licht, aber nicht mehr für ein ganz zeitgemäßes Lichtdesign. Ein Abbiegelicht gibt es nicht, in der Stadt ist das auch zu verschmerzen, dafür fügt sich das Tagfahrlicht sauber in das Leuchtenkonzept der Front ein. Wichtig beim Stadtbus ist eine deutliche Beleuchtung der Armaturen und Schalter. Hier hat Scania definitiv aus den Fehlern vergangener Zeiten gelernt und setzt neue, helle Maßstäbe. Insgesamt schlug sich der Scania Citywide mehr als ordentlich, für einen akzeptablen Preis erhält man einen Bus, der nicht nur Außergewöhnliches in Sachen Design zu bieten hat, sondern auch noch solide unterwegs ist. Unser Urteil: Der Scania Citywide ist ein grundsolides Fahrzeug. Sein Auftritt ist markant, männlich und modern. Mit seinem Design unterscheidet er sich wohltuend von allzu biederen Kollegen, die nach wie vor auch als Neufahrzeuge unterwegs sind. Der gefahrene Antriebsstrang funktioniert ausgezeichnet – auch der kleine Motor macht nicht schlapp, allerdings scheint die gewählte Kombination nicht innenstadttauglich zu sein, der Gesamtverbrauch war doch recht hoch und da fließt noch nicht einmal der AdBlue-Verbrauch mit ein. Arbeiten lässt es sich mit dem Citywide recht ordentlich, der Bereich rund um das Cockpit ist zeitgemäß und ergonomisch gestaltet, lediglich Ablagemöglichkeiten fehlen, das ist aber möglicherweise eine italienische Ausstattungsspezifikation. In Sachen Verarbeitungsqualität ist sicher noch Luft nach oben, doch insgesamt überzeugt der Bus. (sab)
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