Welche Voraussetzungen müssen Bayerns Destinationen für den Einsatz elektrischer Reisebusse schaffen? Dieser Frage widmete sich ein digitales Fachgespräch des Landesverbands Bayerischer Omnibusunternehmen (LBO) am vergangenen Donnerstag, 15. Oktober.
Heinz Kiess von MAN Truck & Bus machte deutlich, dass der elektrische Reisebus aus Herstellersicht kurz vor dem breiteren Markteintritt steht. Die größte Herausforderung sieht er nicht mehr allein bei der Reichweite der Fahrzeuge, sondern bei einer verlässlich verfügbaren und für Reisebusse geeigneten Ladeinfrastruktur. Nach der Modellrechnung von MAN lässt sich mit Ladeleistungen von 350 bis 375 kW bereits heute ein Nutzungsprofil erreichen, das dem eines Dieselbusses nahekommt. Für eine rund 720 Kilometer lange Fahrt von Bayreuth zum Schloss Linderhof und zurück kalkuliert der Hersteller beispielsweise eine Zwischenladung am Reiseziel.
Wie eine solche Zielladeinfrastruktur aussehen kann, zeigte Benedikt Fischer, Prokurist der Ammer-Loisach Energie am Beispiel des Ladeparks am Schloss Linderhof. Dort stehen seit Mai 2026 sechs CCS-Ladepunkte zur Verfügung. Die Gesamtleistung von 625 kW kann auf mehrere Fahrzeuge verteilt werden. Der Ladepark wurde am 17. Juli 2026 offiziell in Betrieb genommen und kostete nach Angaben Fischers gut 500.000 Euro. Fördermittel seien dafür nicht genutzt worden.
Henne-Ei-Problem lösen
Noch ist die Auslastung durch elektrische Reisebusse gering. Freie Ladeplätze können deshalb vorerst auch von Pkw genutzt werden. Für die Ammer-Loisach Energie sei das Projekt dennoch eine bewusste Investition in den künftigen Markt, erklärte Fischer. Um das Henne-Ei-Problem zu lösen, müsse die Infrastruktur teilweise entstehen, bevor eine größere Zahl elektrischer Reisebusse unterwegs sei. Zugleich könnten touristische Ziele durch Ladeangebote für Busunternehmen überhaupt erst elektrisch erreichbar werden.
Als weitere Hemmnisse nannte die Diskussionsrunde fehlende Netzkapazitäten und die bislang unsichere Wirtschaftlichkeit vieler Standorte. Batteriespeicher könnten eine Lösung sein, wenn ein ausreichend leistungsfähiger Netzanschluss nicht kurzfristig verfügbar ist. Einig waren sich die Teilnehmer zudem darin, dass Busladeplätze andere Anforderungen erfüllen müssen als reine Lkw-Ladeparks: Während des Aufenthalts benötigen die Fahrgäste unter anderem Toiletten, Gastronomie oder touristische Angebote. Angaben zu Reservierungsmöglichkeiten und zur Ausstattung der Standorte sollten deshalb künftig in Ladeatlanten aufgenommen werden.
Aufbau der Ladeinfrastruktur ist Gemeinschaftsaufgabe
Der angekündigte E-Bus-Ladeatlas des LBO konnte wegen der intensiven Diskussion nicht mehr ausführlich vorgestellt werden. LBO-Geschäftsführer Stephan Rabl verwies jedoch darauf, wie wichtig es sei, bestehende Ladeangebote öffentlich sichtbar zu machen. Das Webinar zeigte damit vor allem eines: Technisch sind erste Reisebus-Einsätze bereits möglich. Ob daraus ein tragfähiger Markt entsteht, hängt jedoch wesentlich davon ab, ob Destinationen, Energieversorger, Hersteller und Busunternehmen den Aufbau der Infrastruktur gemeinsam vorantreiben.