Elektromobilität: Bei der Ladeinfrastruktur das große Ganze sehen

06.08.2026 14:30 Uhr | Lesezeit: 4 min
Balmer_Thomas_WBO
Thomas Balmer, WBO-Vizepräsident
© Foto: WBO

Bei der Umstellung der Busflotten auf alternative Antriebe spielen Aufbau und Betrieb der Ladeinfrastruktur eine wichtige Rolle. Wir sprachen mit Busunternehmer und WBO-Vizepräsident Thomas Balmer über das Thema und über die Frage, wohin diese Ladeinfrastruktur gehört.

Omnibusrevue: Bei der Umstellung der Busflotte auf die Elektromobilität, wie groß ist da die Herausforderung, die passende Ladeinfrastruktur aufzubauen?

Thomas Balmer: Der Anschluss an das Mittelspannungsnetz ist oft mit aufwändigen und umfangreichen Baumaßnahmen verbunden – selten führt die Mittelspannungsleitung direkt am Betriebshof vorbei. Und auch die Ladeinfrastruktur, bestehend aus Transformatoren und Ladesäulen, erfordert hohe Investitionen. Eine zusätzliche Herausforderung besteht darin, das Lademanagement intelligent und effizient in den täglichen Betriebsablauf – d. h. die Disposition, Reinigung und Wartung – zu integrieren. Die Ladeinfrastruktur muss mit diesen Prozessen harmonieren und darf nicht losgelöst davon betrachtet werden.

Deshalb ist die Ladeinfrastruktur als Bestandteil eines betrieblichen Gesamtsystems zu betrachten. Ihre technische Auslegung muss sich nach Umläufen, Fahrzeugen, Ladezeiten und den individuellen betrieblichen Anforderungen richten. Diese kennen die Busunternehmen am besten und je enger Planung und Betrieb verzahnt sind, desto effizienter und wirtschaftlicher lässt sich die Flottentransformation umsetzen.


"Der größte Vorteil liegt in der vollständigen Integration in den Betriebsablauf. "

WBO-Vizepräsident Thomas Balmer


Vereinzelt gibt es auch Überlegungen von Aufgabenträgern, die Ladeinfrastruktur selbst zu errichten.  Was halten Sie von solchen Konzepten?

Ich meine man muss da das große Ganze sehen: Geht es um zwei bis drei Fahrzeuge oder geht es um einen gesamten Flottenumbau?  An einzelnen Mobilitätsknoten können einzelne Ladepunkte für das Zwischenladen auf Linienstrecken sinnvoll sein, sobald es aber um größere Flotten geht, muss hier aus einer Hand produziert werden. Lademanagement bei Busflotten ist hochkomplex und greift tief in betriebliche Strukturen ein, das kann nicht isoliert betrachtet und bearbeitet werden.

Welche Vorteile hat es, wenn die Ladeinfrastruktur durch das Unternehmen und auf dem Betriebshof gebaut wird?

Der größte Vorteil liegt in der vollständigen Integration in den Betriebsablauf. Das Unternehmen kann Ladeprozesse optimal mit Disposition, Wartung und Reinigung verzahnen. Dadurch entstehen effiziente Abläufe und kostspielige, ineffiziente Doppelstrukturen werden vermieden.
Auch technisch ist das ein wesentlicher Vorteil. Das Verkehrsunternehmen kennt seine Fahrzeuge, Umläufe und zukünftigen Ausbaupläne. Dadurch kann die Ladeinfrastruktur bedarfsgerecht und zugleich skalierbar geplant werden.

Hinzu kommt die Betriebssicherheit. Der Betreiber trägt die Verantwortung für den täglichen Verkehr und muss deshalb auch die technischen Prozesse jederzeit beherrschen. Kurze Wege, klare Zuständigkeiten und eine enge Verzahnung von Technik und Betrieb erhöhen die Verfügbarkeit der Flotte.

Nicht zuletzt profitieren auch die Mitarbeitenden von guten Arbeitsbedingungen auf dem Betriebshof. Moderne Infrastruktur bedeutet eben nicht nur elektrische Busse, sondern auch ein attraktives Arbeitsumfeld für Fahrpersonal und Werkstatt.


"Die Investitionen sind erheblich."

WBO-Vizepräsident Thomas Balmer


Ist der Aufbau der Ladeinfrastruktur für mittelständische Unternehmen ohne Förderung durch die öffentliche Hand wirtschaftlich realisierbar?

Die Investitionen sind erheblich. Neben den Ladepunkten müssen Netzanschlüsse, Trafostationen, Energieverteilung und intelligentes Lademanagement aufgebaut werden. Wann die E-Busflotte der Dieselflotte wirtschaftlich überlegen sein wird hängt insbesondere von gesetzlichen Rahmenbedingungen und Marktbedingungen ab. Was kostet der Strom? Was kostet ein E-Bus? Was kostet der Trafo bzw. der Speicher? Das sind echte Kostentreiber, die im Moment den Umstieg finanziell erschweren, das muss ja aber nicht so bleiben.


"Die Verkehrsunternehmen errichten die Ladeinfrastruktur unter Einbringung ihrer betrieblichen Kompetenz in Planung, Bau und Betrieb auf ihren Betriebshöfen und die öffentliche Hand unterstützt sie finanziell dabei."

WBO-Vizepräsident Thomas Balmer


Auf der anderen Seite kann es in der Zukunft zu betrieblichen Synergieeffekten kommen, wenn die Ladeinfrastruktur auf dem Betriebshof mehrere Verkehre versorgen kann. Förderprogramme sind deshalb aus meiner Sicht ein wichtiger Baustein für die Transformation. Entscheidend ist aber, dass sie den Unternehmen ermöglichen, langfristig wirtschaftliche Lösungen aufzubauen. Wenn vorhandene Betriebshöfe und bestehende Infrastruktur genutzt werden, entstehen nachhaltige Synergien und die Gesamtwirtschaftlichkeit verbessert sich deutlich.

Der richtige Ansatz ist deshalb: Die Verkehrsunternehmen errichten die Ladeinfrastruktur unter Einbringung ihrer betrieblichen Kompetenz in Planung, Bau und Betrieb auf ihren Betriebshöfen und die öffentliche Hand unterstützt sie finanziell dabei. So entstehen Lösungen, die sowohl technisch als auch wirtschaftlich dauerhaft tragfähig sind.

HASHTAG


#Elektrobusse

MEISTGELESEN


KOMMENTARE

SAGEN SIE UNS IHRE MEINUNG

Die qualifizierte Meinung unserer Leser zu allen Branchenthemen ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie bei Ihren Kommentaren auf die Netiquette, um allen Teilnehmern eine angenehme Kommunikation zu ermöglichen. Vielen Dank!


NEWSLETTER

Newsletter abonnieren und keine Branchen-News mehr verpassen.


www.omnibusrevue.de ist das Online-Portal der monatlich erscheinenden Zeitschrift OMNIBUSREVUE aus dem Verlag Heinrich Vogel, die sich an Verkehrsunternehmen bzw. Busunternehmer und Reiseveranstalter in Deutschland, Österreich und der Schweiz richtet. Sie berichtet über Trends, verkehrspolitische und rechtliche Themen sowie Neuigkeiten aus den Bereichen Management, Technik, Touristik und Handel.