Für die Chefin von Daimler Truck, Karin Rådström, ist die Existenz der Nutzfahrzeugindustrie in Europa in Gefahr. „Wenn die CO2-Regulierung unverändert bleibt, setzt Europa die Wettbewerbsfähigkeit seiner Nutzfahrzeugindustrie aufs Spiel“, sagte Rådström im Gespräch mit der „Deutschen Presse-Agentur“ in Berlin. Sie glaube nicht, dass die Politik die Dringlichkeit verstanden habe. Rådström ist derzeit auch Vorsitzende des Nutzfahrzeug-Ausschusses des Verbands europäischer Automobilhersteller (Acea).
Hohe Strafen für Nutzfahrzeughersteller drohen
Um die Klimaziele der EU zu erreichen, gibt es Vorgaben für neue schwere Nutzfahrzeuge. So müssen deren CO2-Emissionen zum Beispiel bis 2030 um 43 Prozent im Vergleich zu 2019 sinken. Um 43 Prozent an Einsparungen zu erzielen, müssten Rådströms Rechnung zufolge etwa 35 Prozent aller neu zugelassenen Lkw in Europa 2030 batterieelektrisch oder mit Wasserstoff betrieben werden. Die Herausforderung sei, dass 2025 gerade einmal zwei Prozent aller schweren Lkw in Europa elektrisch waren. Von zwei Prozent im Jahr 2025 auf 35 Prozent im Jahr 2030 zu gelangen, sei „eine wirklich große Herausforderung“.
Existenzielle Folgen für die europäische Nutzfahrzeugindustrie
Für jeden verfehlten Prozentpunkt müsse Daimler Truck etwa 120 Millionen Euro zahlen. „Für die europäische Nutzfahrzeugindustrie hätte das also existenzielle Folgen“, sagte Rådström. „Wenn wir die Ziele zum Beispiel um zehn Prozentpunkte verfehlen, verdienen wir mit dem Segment Mercedes-Benz Trucks praktisch kein Geld mehr.“ Zum Vergleich: 2025 erzielte das Segment ein operatives Ergebnis (Ebit) von 698 Millionen Euro. 2024 hatte Mercedes-Benz Trucks noch ein Ebit von 922 Millionen Euro erzielt. Bei Umsätzen von grob 20 Milliarden Euro in beiden Jahren.
Umstieg hängt an den Strom- und Dieselpreisen
„Das größte Problem bleibt die Infrastruktur und das Laden“, sagte Rådström. Selbst diejenigen, die auf E-Mobilität umstellen wollten, seien sich nicht sicher, ob sie ihr Fahrzeug dann künftig entlang der Strecke laden können, sagte Rådström. Eine weitere Herausforderung sei es, Kostenparität mit dem Verbrenner zu erreichen. Das hänge an den Strom- und Dieselpreisen. „Diesel ist vergleichsweise keine teure Energiequelle“, sagte Rådström.
Realitätscheck der CO2-Regulierung
„Wir fordern eine Überprüfung der CO2-Regulierung. Das muss ein Realitätscheck sein“, sagte Rådström. Die Regulierung müsse unter anderem an den Hochlauf der Infrastruktur geknüpft sein. Außerdem müsse die Infrastruktur schneller ausgebaut werden. „Es ist noch zu früh zu sagen, dass wir die Ziele ändern müssen“, sagte Rådström. Aber es sei deutlich absehbar, dass die Branche mehr Zeit brauche, um die für 2030 vorgesehenen Ziele zu erreichen.