Barrierefrei unterwegs

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Der neue Volvo 9700 ist unter technischen, wirtschaftlichen und fahrerfreundlichen Gesichtspunkten ein Bus erster Wahl. Das spricht sich immer häufiger herum, weshalb ein Volvo-Bus längst nicht mehr zu den großen Exoten hierzulande zählt. Die OMNIBUSREVUE war im Erzgebirge und hat sich in der Praxis umgeschaut.


Datum:
30.09.2020
Autor:
Sascha Böhnke
Lesezeit: 
10 min

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Erik Werner ist sichtlich stolz auf seinen Neuen. Nicht nur, dass der Bus als offizieller Werbeträger der Montanregion Erzgebirge, des Welterbes Hoher Forst, in auffälliger Beklebung unterwegs ist, das Fahrzeug, ein Volvo 9700, zählt dazu noch zu den modernsten Reisebussen, die derzeit am Markt unterwegs sind. Allzu viele Kilometer hat der Bus, der seit knapp einem halben Jahr im Unternehmen ist, coronabedingt leider noch nicht auf dem Tacho, doch für Unternehmer Werner steht längst fest: Der Bus ist eine gelungene Weiterentwicklung des Vorgängers. Seit über 20 Jahren setzt das Busunternehmen Dietmar Werner auf Volvo, die Fahrzeuge sowie ein gut funktionierender Service geben immer wieder den Ausschlag, beim schwedischen Hersteller zu bleiben. Die OMNIBUSREVUE durfte nun exklusiv dieses neue Kundenfahrzeug Probe fahren.

Der getestete Bus ist ein klassischer Zweiachser mit einer Länge von 12,40 Metern und 49 Fahrgastsitzen. Der Radstand beträgt sechs Meter, damit bleibt das Fahrzeug auch in den engen und schmalen Ecken des Erzgebirges gut manövrierbar. Seine Besonderheit ist ein Kassettenlift der Firma Dhollandia, verbaut im Bereich hinter der vorderen Einstiegstür. Die Kassette liegt im Kofferraum und belegt das erste Segment über die komplette Fahrzeugbreite. Allerdings baut die Kassette nicht sehr hoch auf, wodurch das nutzbare Kofferraumvolumen von 10,5 Kubikmetern nicht allzu sehr geschmälert wird.

Der Lift besitzt auf der rechten Fahrzeugseite eine separate, schmale Klappe, darüber kann wie gewohnt der Gepäckraum mit Koffern befüllt werden. Allerdings müssen die Gepäckstücke dann ein ganzes Stück in die Höhe gehoben werden, was unter Umständen etwas umständlich sein kann. Die Bedienung des Liftes gestaltet sich herstellertypisch einfach, insofern man einige Grund­regeln beachtet. Dazu gehört beispielsweise, dass man nach der Verwendung es nicht vergessen sollte, die obere Aufbautür auch abzuschließen, sonst gibt es unschöne Fehlermeldungen.

Die Kabelfernbedienung kommt mit genau zwei Tasten aus – perfekt. Händisch müssen lediglich die Innenrampe sowie die beiden Haltebügel ausgeklappt werden, der Rest geschieht automatisch. Im Inneren können mehrere Rollstühle einfach über die Airline-Schienen gesichert werden. Rechts lassen sich vier und links gleich acht Sitzreihen per Schnellverschluss entnehmen. Zusätzlich gibt es eine Mittelgang-Auffüllung, damit ein ebener Boden entsteht und auch die linke Fahrzeugseite mit dem Rollstuhl erreicht werden kann. Für ein permanentes Wechseln zwischen Normalbestuhlung und Rollstuhlnutzung, wie es im Fernlinienbus vorkommt, ist dieses Sitz-Wechsel-System allerdings nicht gedacht. Dafür gibt es bei anderen Herstellern die Möglichkeit, Sitzreihen anzuklappen und zusammenzuschieben.

49 Fahrgastplätze bietet der 12,40 Meter lange Zweiachser. Das gilt auch, wenn ein Lift verbaut ist
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Der Volvo 9700 ist auf Effizienz getrimmt.

Das beginnt beim Design der Außenhaut, die aerodynamisch geformt ist mit ihren glatten Flächen und abgerundeten Kanten. Das soll einen sehr geringen Luftwiderstand ermöglichen. Dazu konnte das Fahrzeug-Gesamtgewicht durch die Verwendung von Leichtbau-Werkstoffen um rund 350 Kilogramm reduziert werden. Das Ergebnis: bis zu vier Prozent weniger Kraftstoffverbrauch. Bei einem Fernreisebus mit einer jährlichen Laufleistung zwischen 100.000 und 300.000 Kilometern lässt sich da einiges einsparen.

Noch sparsamer wird es, wenn der Bus mit der dynamischen Niveauregulierung und Volvo I-See bestellt wird. Bei I-See handelt es sich um eine Art höhenbasierten Tempomaten, wie ihn Wettbewerber beim Bus und Volvo beim Lkw schon länger im Programm haben. Vor einem Anstieg wird entweder rechtzeitig heruntergeschaltet, um am Berg keine Geschwindigkeit zu verlieren, der hohe Gang wird beibehalten, da das System erkennt, dass der Bus die Steigung bei niedrigen Drehzahlen meistern und somit Kraftstoff sparen wird. Oder bei einem leichten Gefälle wird ausgekuppelt – der Bus rollt sparsam in einem vorher definierten Geschwindigkeitsfenster weiter. Konsequent zieht sich denn der Spargedanke von der Front über den Spiegel bis zum durchdachten Heck.

Eine große Rolle spielen bei der neuen Baureihe auch die Sicherheitssystheme. So gibt es nun das neue Fahrerwarnsystem DAS (Driver Alert Support), welches Unfälle durch übermüdete oder unaufmerksame Fahrer verhindern soll. Das System überwacht das Fahrverhalten und die Position des Fahrzeugs in Relation zu Fahrspurbegrenzungen und Straßenrändern. Sobald sich aus dem Fahrstil Hinweise auf eine mögliche Übermüdung oder Unaufmerksamkeit des Fahrers ergeben, warnt ihn das System optisch in Form von Pop-up-Meldungen, die auf der Instru­mententafel angezeigt werden, und gleich­zeitig ertönt ein akustisches Signal.

Weitere Neuerungen sind der verstärkte Unterfahrschutz FIP (Front Impact Protection) im Frontbereich des Busses, der jetzt noch mehr Energie absorbieren kann, sowie ein zusätz­liches Sichtfenster im unteren Teil der vorderen Einstiegstür, das dem Fahrer die Erkennung anderer Verkehrsteilnehmer in der unmittelbaren Umgebung des Fahrzeugs erleichtert. Dass ein Auffahrwarner in Verbindung mit einem Notbremsassistenten an Bord ist, soll nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden; Letzterer ist seit einiger Zeit vorgeschrieben.


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Der Volvo 9700 ist auf Effizienz getrimmt. Das beginnt beim Design der Außenhaut und endet bei technischen Maßnahmen


Neu gestaltet wurde ...

... das Design des Fahrer-Arbeits­platzes. Das Lenkrad wurde komplett neu gestaltet, die Instrumentierung soll ebenfalls neu sein. Es gibt das Lenkrad in zwei Größen. Hierbei ist unbedingt darauf zu achten, das kleinere zu wählen. Zumal der Bus mit Volvo Dynamic Steering (VDS) ausgerüstet ist, welches die Lenkarbeit zum Vergnügen werden lässt.

Und so funktioniert sie: Die konventionelle hydraulische Servolenkung wird mit einem am Lenkgetriebe montierten Elektromotor kombiniert. Anhand der Eingangssignale verschiedener Sensoren ermittelt das elektronische Steuergerät die Bewegungsrichtung des Fahrzeugs und die Absicht des Fahrers. Nach dem Prinzip der sogenannten Drehmomentüberlagerung wird der Motor 2.000-mal pro Sekunde angesteuert, um unabsichtliche Lenkbewegungen zu korrigieren und bei Bedarf zusätzliche Lenkkraft bereitzustellen.

Wer das System zum ersten Mal erlebt, wird möglicherweise irritiert über die enorme Leichtgängigkeit und den steten Drang der Lenkung zur Zurückstellung in die Geradeaus-Position sein, doch nach einer recht kurzen Eingewöhnungszeit will man VDS nicht mehr missen.

Der Begleitsitz ist bequem, lässt sich schwer abklappen
© Foto: Sascha Böhnke

Für Unternehmer ...

... Erik Werner könnte der Antrieb mit seinen 460 PS noch einen Tick kräftiger sein, kein Wunder, der Betrieb hat seinen Sitz in den Bergen und hier zählt jede Pferdestärke. Dafür schwärmt er vom automatisierten Schaltgetriebe und von den modernen Assistenzsystemen, die er als absolute Bereicherung in Sachen Komfort und Sicherheit empfindet. Außerdem schätzt der designierte Unternehmensnachfolger die gute Zusammenarbeit mit dem Volvo-Service, was sicher ein Grund ist für seine Treue.

http://www.youtube.com/bustv1

Unser Urteil

Etwa 265.000 Euro kostet ein Volvo 9700 in der Grundausstattung. Dafür bekommt man tatsächlich eine ganze Menge Bus, ausgestattet mit modernsten Assistenz- und Sicherheitssystemen. Deutlich teurer wird es, wenn man sich noch einen Lift gönnt, dann werden noch mal rund 25.000 Euro fällig. Doch selbst dann bleibt der 9700 ein extrem wirtschaftliches Fahrzeug, das technisch durchaus auf der Höhe der Zeit fährt. Optisch ein Hingucker, wird er auch in etlichen Jahren noch als modern gelten. Die Fahrgäste erwartet ein aufgeräumter und praktischer Innenraum und bequeme Sitze. Dass die Bestuhlung hier nicht wie im Volvo 9900 leicht nach hinten ansteigt, ist nicht weiter tragisch, Fahrer und Unternehmer profitieren hingegen von einer geringeren Fahrzeughöhe.

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