Ein Kleiner wird erwachsen

© Foto: Sascha Böhnke

Temsa hat den MD bereits seit acht Jahren im Programm. Wirkte der Midi-Reisebus anfänglich noch ein wenig unfertig, ist aus dem kleinen Newcomer eine große Nummer geworden, die mittlerweile auf einem sehr hohen Niveau fährt. Dazu ein Preis, der für den Wettbewerb eine klare Ansage darstellt.


Datum:
19.12.2018

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Der MD 9 ist erwachsen geworden. Sein jüngstes Facelift hat dem Midibus sichtlich gut getan, endlich wirkt der große Kleine auch äußerlich wie ein hochwertiges, eigenständiges Fahrzeug. Das beginnt schon bei den Frontlichtern. Vorbei ist die Zeit der kleinen Punktscheinwerfer, galten sie doch lange Zeit bei vielen Kleinbus-Herstellern als Synonym für preiswerten, aber eben auch einfachen Busbau. Mit seinen neuen Scheinwerfern fährt der MD 9 nun in einer anderen optischen Liga vor. LED-Hauptscheinwerfer sind zwar derzeit noch nicht zu haben, doch das Xenon-Licht erhellt die Fahrbahn ausgezeichnet. Am Tag sorgen LED Leuchten als Tagfahrlicht für gute Sichtbarkeit. Äußerst modern geht es auch am Heck weiter. Die Rückleuchten in LED-Technik fügen sich harmonisch in das absolut gelungene und recht maskulin wirkende Busheck ein. Den MD 9 von hinten zu betrachten, macht Laune. Zwar wurde dem Reise-Midi kein grundsätzlich neues Design verpasst, doch die Einzellösungen machen Sinn und wurden stimmig umgesetzt.

Grundsätzlich bewegt sich dieser Bus in einem Segment, welches zumindest von den meisten Großbusherstellern recht stiefmütterlich behandelt wird. Der Grund ist einfach erklärt: Es geht um die Entwicklungskosten, die sich meist nicht rechnen, der Markt ist zu klein. Wenn es kleine oder kurze Reisebusse gibt, dann handelt es sich in der Regel um Großbusse mit kurzem Radstand. Die sind dann meist um die zehn Meter lang und kommen auf die typische Breite von 2,55 Metern. Auch die Überhänge entsprechen denen der zwölf- bis 14-Meter-Geschwister. Damit fahren alle diese Kandidaten zwar auf einem hohen Komfort-Level für Fahrer und Fahrgäste, büßen jedoch oft an Wendigkeit ein. Anders bei den extra entwickelten Reise-Midis. Diese Busse sind nicht nur schmaler – der Temsa MD 9 misst 2,40 Meter – sondern sie besitzen auch kurze Überhänge, was sie zu echten Berg- und Rangierspezialisten macht. Um die Vorteile kleiner Busse ausspielen zu können, stehen die echten Midibusse allerdings auch auf kleineren Reifen, was wiederum den Fahrkomfort ein wenig schmälert. Temsa allerdings zeigt bei seinem Bus, dass sich Midi-Konzept und gute Straßenlage nicht ausschließen müssen.

So arbeitet als Vorderachse die einzelradaufgehängte ZF RL 55 EC, hinten wurde die Dana 10.24R verbaut. Diese ist recht leise und besitzt eine Achsübersetzung von i=3,73. Überhaupt ist der MD 9 als Integralbus konzipiert, es handelt sich also ganz klar nicht um einen Fahrgestell-Bus, wie es oft bei anderen Midibus Anbietern der Fall ist. Und das spürt man sofort. Im Rahmen einer ausführlichen Probefahrt auf der schwäbischen Alb, bei der der Bus allerdings nicht ausgeladen war, überraschten sowohl Fahr- wie auch Handlingeigenschaften. Die bekannte hydraulische ZF-Lenkung 8098 Servocom ist gut abgestimmt, sie ist weder zu schwer- noch zu leichtgängig. Schlechtwegstrecken werden vom Fahrwerk in Verbindung mit der sauber arbeitenden Lenkung ordentlich gemeistert, kein Schütteln oder Wegspringen ärgert den Fahrer. Selbst lange Bodenwellen werden recht gutmütig gemeistert, das ist bei Bussen mit kurzem Radstand keine Selbstverständlichkeit. Natürlich lässt sich ein Radstand von hier 4,60 Metern nicht mit einem Sechs-Meter-Radstand vergleichen, doch nervös wirkt der MD 9 nie. 

Angetrieben wird der Bus von einem MAN D0836, das ist ein knapp 6,9 Liter kleiner Reihensechszylinder in Euro-6-Abgasnorm. 290 PS leistet der Common Rail-Motor und bringt es auf ein maximales Drehmoment von 1.100 Nm. Gut, das ist nicht übermäßig viel und voll beladen dürfte der Kleine an höherprozentigen Steigungen ordentlich zu kämpfen haben, die Schwäbische Alb allerdings marschierte der Bursche zumindest leer recht zügig hinauf. Geschaltet wird per Wandlerautomatik von Allison. Dabei stehen sechs Gänge zur Verfügung, die in der Regel auch zu den optimalen Zeitpunkten angewählt werden. Überhaupt istdas Allison Getriebe eine stimmige Angelegenheit. Die Schaltvorgänge selbst sind so gut wie nicht spürbar und je nach Topografie und Leistungsabforderung wird später oder früher geschaltet. Das Automatikgetriebe ist übrigens serienmäßig an Bord, für Schaltpuristen bietet Temsa den Bus aber auch mit manuellem ZF Schaltgetriebe an. Voith- oder ZF-Wandler sind ebenso wenig zu bekommen wie automatisierte Schaltgetriebe. Durch die Motoranordnung im Heck hält sich auch die Geräuschentwicklung im Fahrgastraum in positiven Grenzen. Der subjektive Eindruck ist sehr gut. Dazu kommt, dass die Temsa-Ingenieure das Thema Geräusch- und Wärmedämmung optimiert haben. Wer einen Blick in den zwar engen, aber aufgeräumten Motorraum wirft, kann sich davon überzeugen. Auch der Wärmeschutz im Bereich des Heck-WCs wurde verbessert.

© Foto: Sascha Böhnke

Blick ins Innere

Der Fahrerarbeitsplatz hat sich im Rahmen der optischen Anpassung nicht geändert. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, denn er funktioniert gut. Der Verstellbereich des Sitzes ist zufriedenstellend, die Sicht in die Spiegel ist gut. Sämt­liche Bedienelemente sind gut erreichbar und logisch angebracht. Zwar fehlt dem Cockpit-Konzept die durchdachte Rafinesse seiner großen Wettbewerber, doch ordentlich arbeiten lässt es sich allemal. Der Bus verfügt natürlich über das gesetzlich vorgeschriebene Notbremssystem ­AEBS und auch ein Spurverlassenswarner ist verbaut. Der warnt aber leider akustisch und nicht haptisch im Sitz. Warum das der Fall ist, konnte der deutsche Importeur auch nicht endgültig erklären, will diesen Kritikpunkt aber weiterleiten. Insgesamt jedoch spürt man diesem Bus an, dass es Temsa ernst meint, das Midibus-Segment mit einem überzeugenden Bus bedienen zu können, und das zu einem Preis, der erstaunt. Zwar wächst dieser seit Jahren stetig an, doch 175.000 Euro sind immer noch eine Hausnummer. Zudem dieser Bus das Prädikat „All inclusive“ verdient. Meine Meinung: Braucht die Branche tatsächlich Reise-Midis wie den hier vorgestellten Temsa MD 9? Ich denke: auf jeden Fall. Denn Reisen ist eine individuelle Angelegenheit und dieser Aspekt wird zunehmen. Erfüllen auf klein getrimmte Großbusse die Anforderungen, die an solche Fahrzeuge gestellt werden? Leider nur zum Teil, denn wenn man ehrlich ist, sind Zehn Meter-Busse meist ein wirtschaftlicher Kompromiss der Hersteller. Sie bieten zwar viel Komfort, das aber zu einem hohen Preis und zum Preis einer schlechteren Wendigkeit. Natürlich kommt auch ein MD 9 nicht ohne Kompromisse aus, die wurden aber meiner Meinung nach auf ein erträgliches Maß reduziert. Und genauso funktioniert dann ein Heckmotor-Midi. Unser Urteil: Es ist gut, dass Temsa seinen MD 9 konsequent weiterentwickelt. Aber das macht auch Sinn, denn es gibt nur noch sehr wenige Bushersteller, die es sich leisten, einen speziellen Midibus im Porgramm zu haben. Der MD 9 gefällt zum einen durch sein modernes Erscheinungsbild und durch seine funktionierende Technik. So sind nicht nur an sämtlichen relevanten Punkten Markenkomponenten verbaut, sie wurden auch gut abgestimmt. Der Bus wurde zudem konsequent auf Praxistauglichkeit getrimmt. Das sieht man unter anderem am großen Kofferraumvolumen von fünf Kubikmetern. Korrosionsprobleme gehören ebenfalls der Vergangenheit an, KTL Tauchbad und die Verwendung von Aluminium an vielen Stellen sprechen eine deutliche Sprache. (sab)

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