22.10.2018Der Straßenkünstler

Mercedes-Benz Tourismo M/2, Supertest

Ob Nordkap, Berlin oder Albanien: Der Mercedes-Benz Tourismo fühlt sich überall gleichermaßen zu Hause. Es gibt kaum eine Disziplin, die der Bus nicht beherrscht. Beim Supertest der OMNIBUSREVUE musste der Tourismo zeigen, dass ihm auch in Sachen Verbrauch und Handling keine Schwächen unterlaufen.

Dieses Gelb sieht einfach verdammt gut aus. Yellowstone nennt sich die Farbe, die Mercedes-Benz seinem aktuellen Safety-Coach verpasst hat. Dazu ein auffäliges Fahrbahn-Design – fertig ist die Botschaft. Und die soll wohl lauten: Seht her, ein Tourismo ist alles andere als langweilig! Das ist gelungen. Mit einer filigran wirkenden Leichtigkeit fährt der Bus vor, wobei Leichtigkeit durchaus wörtlich genommen werden kann, denn im Vergleich zum Vorgänger wurde der Bus um rund 200 Kilogramm leichter. Das ist deswegen so bemerkenswert, da das Fahrzeug im gleichen Atemzug stabiler, steifer, sicherer wurde.

So besitzt der Tourismo nun auch endlich den schon vom alten Travego und der 500erReisebus-Baureihe von Setra bekannten Front Collision Guard. Der absorbiert nicht nur Aufprallenergie, sondern schützt gleichzeitig Fahrer und Beifahrer – das ist Omnibusvorbau neu gedacht. Außerdem erfüllt der Bus nun die Umsturzrichtlinie UN ECE R66.02. Dazu wurde das Gerippe komplett neu entwickelt, nicht nur die Ringspantenbauweise erhöht die Sicherheit, neue, hochfeste Verbindungen innerhalb des Gerippes sorgen für weniger Gewicht bei höherer Festigkeit. Weniger Gewicht sorgt bekanntlich für einen geringeren Kraftstoffverbrauch, dazu kommt, dass zahlreiche Maßnahmen im Aerodynamikbereich den cw-Wert auf 0,33 drücken. Mercedes-Benz beziffert die Kraftstoffersparnis auf bis zu sieben Prozent im Vergleich zum Vorgänger. Beim ­OMNIBUSREVUE-Supertest konnten wir solche fabelhaften Werte zwar nicht erfahren – der Durchschnittsverbrauch lag bei insgesamt 27,39 Litern pro 100 Kilometer – für einen 13-Meter-Zweiachser ist das aber dennoch ein mehr als akzeptabler Wert. Auf der ebenen Autobahn sind dann beladen auch Verbräuche von 20 Liter auf 100 Kilometer drin. Runtergerechnet auf die Fahrgastplatzanzahl im Testbus, die bei luxuriösen 48 lag, ergibt sich ein Gesamt-Pro-Kopf-Verbrauch von 0,57 Litern/100 km. Das kann sich sehen lassen.

Angetrieben wurde der Testbus vom OM 470 mit 10,7 Litern Hubraum. 2.200 Nm stehen schon frühzeitig zur Verfügung, auch das ein Grund dafür, weshalb der Bus mit einer Hinterachsübersetzung von i = 3,58 ausgestattet war. Bei Tempo 100 liegt eine Drehzahl von 1.189 U/min an, das ist ein recht guter Wert, auch wenn ein Neoplan Tourliner oder ein MAN Lion’s Coach diesen noch toppen kann. Die haben aber auch zwölf Gänge zur Verfügung. Im normalen Fahrbetrieb, erst recht auf der Autobahn, zeigte sich diese Kombination als sehr praxistauglich. Kein Wunder, 456 Pferdestärken haben mit dem Bus leichtes Spiel. Lediglich in den Bergen, wenn es wirklich anstrengend zur Sache ging, hätten wir uns eine kürzere Achse oder mehr Gänge gewünscht. Doch wirklich häufig traten solche Momente nicht auf und, ganz ehrlich, verhungern wird mit dem OM 470 niemand am Berg. Hier sollte sich im Vorfeld kritisch die Frage gestellt werden, wo der Bus hauptsächlich eingesetzt werden soll. Viel falsch machen kann man da nicht.

Geschaltet wird per GO 250-8 Powershift-Getriebe. Das ist mittlerweile ein Altbekanntes und erledigt seinen Dienst souverän. Steigungen werden beim Anfahren zuverlässig erkannt, auf dem ADAC-Fahrsicherheitsgelände Berlin/Brandenburg erfolgte zudem eine blitzschnelle ASR-Regelung, zu einem Durchdrehen der Räder kam es nicht. Selbst das Rangieren gestaltet sich einfach, Powershift erkennt, wenn feinfühlig gefahren werden soll, und passt das Schaltprogramm mit einem sogenannten Kriechmodus entsprechend an. Hier lässt sich der Bus allein mit dem Bremspedal fahren, der Hersteller selbst vergleicht das Fahren mit einer Wandlerautomatik. Gut, so weit würde der OMNIBUSREVUE-Testfahrer nicht gehen, aber nahe dran ist das Rangier Fahrgefühl schon.




 

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