Zu diesem Urteil kamen die Vertreter aus Politik und Wissenschaft sowie der Vorsitzende des Landeselternbeirates, Theo Keck, und der ehrenamtliche Behindertenbeauftragte des Landratsamts Schwarzwald-Baar- Kreis, Manfred Kemter, beim diesjährigen ÖPNV-Kongress des Verbandes Baden-Württembergischer Omnibusunternehmer (WBO) in Sindelfingen. Der WBO-Vorsitzende Klaus Sedelmeier sprach in seiner Begrüßung das Problem konkret an: „Wo an Bushaltestellen hohe Bordsteinkanten sind, kann ein Niederflurbus einen unkomplizierteren Einstieg für einen Rollstuhlfahrer ermöglichen. Hier, im städtischen Bereich, ist der Niederflurbus absolut sinnvoll. Stellen Sie sich vor, sie stehen als Rollstuhlfahrer – beispielsweise – auf der Schwäbischen Alb an einer typischen Bushaltestelle. Ein Wartehäuschen, eine Haltebucht. Aber kein Bordstein! Und schon ist sie dahin, die vielbeschworene Barrierefreiheit des Niederflurbusses. Selbst mit Klapprampe und fremder Hilfe kommen sie hier – im Regionalverkehr – beim besten Willen nicht in den Bus.“
Manfred Kemter, ehrenamtlicher Behindertenbeauftragter im Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis und selbst Rollstuhlfahrer, beschrieb in seinem Vortrag, illustriert mit Bildern aus dem ländlichen ÖPNV-Alltag, die Alternative Überlandbus mit Kassettenlift für die Beförderung mobilitätseingeschränkter Personen auf dem Land: „Was mich hier an diesem Lift fasziniert, ist, wie schnell die Plattform ein- und ausgefahren werden kann, was für die Einhaltung des Fahrplanes sicher notwendig ist. Im Bus selbst ist Platz für zwei Rollstühle oder Kinderwagen oder Rollatoren.“
Der Ministerialdirektor im Ministerium für Verkehr und Infrastruktur, Hartmut Bäumer, erklärte in seinem Grußwort zum Thema Niederflur auf dem flachen Land, dass er das Argument der oftmals fehlenden Bordsteigkanten im ländlichen Raum wohl vernommen habe und es in der weiteren Diskussion im Verkehrsministerium einbringen werde. Aber: „Für die Linienverkehre im ÖPNV … sind die niederflurigen Fahrzeuge heute Standard. Im Blick auf die gesetzlichen Anforderungen zur Barrierefreiheit werden weiterhin auch nur niederflurige Linienbusse gefördert werden können.“ Eine klare Absage an die vorgetragenen Argumente der Betroffenen. Die Busförderung wurde 2013 um fünf Millionen auf 7,5 Millionen Euro heruntergefahren, obwohl für den Nahverkehr insgesamt 1,6 Milliarden Euro zur Verfügung stehen. WBO-Vorsitzender Klaus Sedelmeier: „Natürlich muss das Land sparen. Aber es kann doch nicht sein, dass die Busförderung zum Steinbruch verkommt, während im Schienenverkehr immer weiter draufgesattelt wird.“ Die Kongressteilnehmer hatten Gelegenheit, einen Überlandbus mit einem modernen Hublift zu besichtigen. Die Kosten für den zusätzlichen Einbau eines solchen Lifts ab Werk liegen bei 7.500 bis 10.000 Euro. (ah)
ÖPNV-Kongress des WBO in Sindelfingen
Barrierefreier ÖPNV mit Niederflurbussen in der Stadt? – ja. Auf dem Land? – nein.