Der Bus fährt auf einer belebten Straße im Norden von München, er stoppt, fährt an, blinkt, wenn er eine Haltestelle anfährt - das alles, ohne, dass der Busfahrer die Hände am Steuer hat, was durchaus ungewohnt ist, wenn man selbst als Fahrgast mit an Bord ist. In der bayerischen Landeshauptstadt gehen MAN Truck & Bus und die Stadtwerke München (SWM) mit der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) beim Projekt MINGA in den Betrieb mit Testnutzern. Ab 17. November soll der automatisierte MAN Lion’s City 12 E erstmals mit Fahrgästen auf einem Teilabschnitt der Buslinie 178 zwischen Petuelring und Freimanner Hölzl mit Fahrgästen unterwegs sein. Die Fahrten finden montags bis freitags statt. Zum Start hatten die MINGA-Partner am Dienstag, 3. November, zu einer ersten öffentlichen Testfahrt eingeladen. Im Projekt MINGA beginne damit „die nächste entscheidende Phase“, so die Beteiligten.
Sicherheitspersonal weiter mit an Bord
Der MAN Lion's City 12 E ist mit fünf LiDAR-Sensoren, sechs Radaren, acht Kameras und einer satellitengestützten Positionsbestimmung ausgestattet. Auf der Linie 178 wurden in den letzten Wochen umfangreiche Streckendaten erfasst. Diese bilden die Grundlage dafür, dass der Stadtbus die Strecke nun eigenständig befahren kann. „Das Fahrzeug lenkt dabei unter anderem selbst, gibt Gas, bremst und blinkt. Das Sicherheitsfahrpersonal bleibt dennoch jederzeit an Bord, um die Systeme zu überwachen“, erklärte Michael Roth, Leiter Bus-Strategie und Produktstrategie Bus bei MAN.
Vor dem Einsatz im öffentlichen Straßenverkehr hat der automatisierte Elektrobus zudem ein umfangreiches Testprogramm auf dem MAN-Gelände absolviert und die technischen Prüfungen durch den TÜV und weitere Genehmigungsverfahren durchlaufen. Im Forschungsprojekt MINGA setzt MAN mit ADASTEC als Technologiepartner auf einen spezialisierten Anbieter für automatisierte Fahrsysteme.
Technologie im Alltag erleben
SWM und MVG verantworten die betriebliche Einbindung des Testbetriebs in das Münchner Busnetz. Dazu gehören die Durchführung der Fahrten auf der Linie 178, der Einsatz des geschulten Sicherheitsfahrpersonals sowie die Information und Begleitung der Testnutzer. Mitfahren dürfen zuerst nur registrierte Testnutzer und auch diese müssen sich vor einer Fahrt anmelden. Ein normaler Linieneinsatz sind die Fahrten also noch nicht.
Frederik Zohm, Vorstand für Forschung und Entwicklung bei MAN Truck & Bus, spracht trotzdem von „einem entscheidenden Schritt". Mit den ersten Testfahrten könnt en Fahrgäste die Technologie im Alltag erleben. „Denn neben einer sicheren und zuverlässigen Technik braucht es das Vertrauen der Menschen in autonome Fahrzeuge und das möchten wir gewinnen“, sagte Frederik Zohm. Die jetzt gewonnenen Erfahrungen aus dem MINGA-Projekt fließen laut Zohm direkt in die Weiterentwicklung zukünftiger Fahrzeuggenerationen und weitere Anwendungen ein.
Leistungsfähiger Einsatz im regulären Busbetrieb
Der Betrieb mit Testnutzern sei auch für die MVG „ein wichtiger Schritt“, sagte Sinaida Cordes, Prokuristin von SWM und MVG. „Aus der technischen Erprobung wird ein Angebot, das Fahrgäste unter realen Bedingungen erleben können. So gewinnen wir wertvolle Erkenntnisse für die sichere, praxisnahe und kundenorientierte Einbindung autonomer Busse in den öffentlichen Nahverkehr.“
Entscheidend sei für die MVG auch, „ob und wie sich autonome Busse skalieren und künftig zuverlässig sowie wirtschaftlich in einen effizienten Linienverkehr integrieren lassen. Mit dem automatisierten 12-Meter-Bus erproben wir dabei erstmals eine Fahrzeuggröße, die das Potenzial für einen leistungsfähigen Einsatz im regulären Busbetrieb bietet“, sagte Cordes.
Förderung des Projekts durch das Bundesverkehrsministerium
Mit dem Einsatz von autonomen Bussen wollen die Projektpartner den ÖPNV „effizienter, flexibler und nachhaltiger gestalten“. Insbesondere vor dem Hintergrund eines zunehmenden Fahrermangels würden autonome Systeme „großes Potenzial zur Sicherstellung und Verbesserung des Mobilitätsangebots“ bieten, so die Beteiligten. Bei der Fahrt über Münchens Straßen zeigte sich denn auch, dass unterwegs noch einiges ruckelt und der Bus auch lange Zeit an einer Kreuzung stehen kann, ehe der Rechner das Go für die Weiterfahrt gibt. Hier Erkenntnisse für den Alltagsbetrieb zu gewinnen, ist ein zentrales Ziel von MINGA und dazu sind Forschungsprojekte schließlich da.
Gefördert wird das Projekt dabei bis Mitte 2027 mit rund 13 Millionen Euro durch das Bundesministerium für Verkehr (BMV) im Rahmen der Förderrichtlinie „Autonomes und vernetztes Fahren in öffentlichen Verkehren“.