Für die großen Touren

© Foto: Sascha Böhnke

Der schwedische Bushersteller Volvo hat im vergangenen Jahr den Volvo 9700 und den Volvo 9900 neu aufgelegt. In einem ersten Fahrbericht stellt die OMNIBUSREVUE den Volvo 9900, ein durchaus interessantes Fahrzeug, näher vor und klärt die Frage, wie viel Luxus das Reisebussegment braucht.


Datum:
31.01.2020

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Ja, der neue Volvo 9900 ist etwas Besonderes. Das fällt bereits auf, wenn dieser Bus vorfährt. Eine fast schon riesig anmutende Frontscheibe erstreckt sich von sehr weit unten bis hoch ins Dach, wo sie eine passende Verbindung mit der dort platzierten Dachverkleidung, die die nach vorn gewanderte Klimaanlage verdeckt, eingeht. Interessanter Nebeneffekt: Die Windschutzscheibe wurde aerodynamisch optimiert, insgesamt soll der Volvo einen ausgezeichneten cW-Wert besitzen. „Tritt ein, fühl dich wohl“, das in etwa ist die Aussage, die die Fahrgäste intuitiv verstehen. Und doch bleibt, solange die Türen geschlossen sind, das Innere verborgen, denn die Scheiben – und das gilt erst recht für die Seitenverglasung – sind stark getönt. Doch zurück zur Front. Diese wird nicht nur durch die Windschutzscheibe dominiert, auch die typischen Volvo-Scheinwerfer mit ihrem keilförmigen LED-Tagfahrlichtstreifen unterstreichen den besonderen Charakter dieses Busses. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger wirkt dieser Bus am Bug eher weicher, gefälliger.

Nicht jeder kann sich auf Anhieb damit anfreunden, häufig werden in unseren Breiten eher geradlinige Designs bevorzugt. Damit allerdings kann der Volvo 9900 auch dienen, und zwar seitlich. Es kann durchaus beeindruckend genannt werden, was sich die Designer hier ausgedacht haben: Zwei nach hinten ansteigende Chromleisten (fehlen beim hier vorgestellten Bus noch) trennen Scheiben und Verkleidung. Die Optik erinnert an ansteigende Bergketten – eine Vorahnung für so manche Traumreise, die hiermit ihren Anfang nimmt. Was auffällt, ist die Tatsache, dass die Seitenscheiben nach hinten hin immer schmaler werden: Das Drögmöller-Erbe lässt grüßen. Denn die Sitze innen steigen nach hinten leicht an. Doch dazu später mehr. Was der Volvo 9900 aber mit dieser  Seitenlinie auf jeden Fall schafft: Er ist damit einzigartig! Und da taucht sie dann auf, die maskuline Seite dieses charmanten Riesen. Der Bus ist einige Zentimeter in der Höhe gewachsen, verlässt aber mit seinen 3,85 Metern nicht den praktischen Höhenbereich. Mit einem Vier-Meter-Bus steht man deutlich häufiger vor zu niedrigen Durchfahrten. Apropos Höhe: Das Dach des neuen 9900 ist in Sandwichbauweise ausgeführt, die Dach-Außenhaut besteht aus Aluminium. Beide Maßnahmen sparen Gewicht und damit letztlich Kraftstoff. Durch den im Inneren ansteigenden Boden wächst auch das Kofferraumvolumen, insbesondere die Fächer über den Achsen lassen sich so großzügig befüllen. Da kommt höchstens noch eine Setra TopClass mit. In deren Klasse sehen die Volvo-Entwickler übrigens ihren Bus. Allerdings nicht unbedingt beim Preis, denn den kann man mit 330.000 Euro für einen sehr gut ausgestatteten Dreiachser als deutlich niedriger bezeichnen. Weniger teuer, weniger wert? Dazu lohnt sich ein Blick auf die Technik. Und hier braucht sich ein aktueller Volvo durchaus nicht zu verstecken.

Das beginnt beim Schutz für die Insassen, die natürlich von der aktuellen Umsturzrichtlinie profitieren. Auch Fahrer und Begleiter sind besonders geschützt. Stichworte FUPS und FIP. Das steht für den vorderen Unterfahrschutz sowie den verstärkten Frontaufprallschutz. Und natürlich sind auch aktive Sicherheitssysteme wie der gesetzlich vorgeschriebene Bremsassistent, der sich bei Volvo CW-EB nennt, an Bord. Dieser ist verbunden mit einem Abstandsregeltempomaten. Aber dieser Tempomat kann noch viel mehr, verbaut ist nämlich I-See. Und dahinter verbirgt sich ein Spritsparsystem, also eine Art höhenbasierter Tempomat. Wenn man beispielsweise auf eine Steigung zufährt, lädt das Fahrzeug Daten aus einer hochauflösenden Topografiekarte herunter, die online verfügbar ist. Die Informationen werden daraufhin von einem sechsstufigen Prozess verarbeitet, um die kinetische Energie des Fahrzeugs zu maximieren und den Kraftstoffverbrauch um bis zu fünf Prozent zu senken. Wenn die Straße nicht in der Karte enthalten ist oder die Verbindung zum Server ausfällt, greift das Fahrzeug auf eine im Bus hinterlegte Datenbanklösung zurück. Dieses System kann also ein Hoch- oder Runterschalten verhindern, auslösen oder auch in den Leerlauf schalten, je nach Situation. Das System wird automatisch aktualisiert, ohne dass ein Werkstattaufenthalt nötig ist. Und noch etwas beherrscht der neue Volvo: Er kann die Niveauregulierung der Fahrgeschwindigkeit anpassen. All das beherrscht beispielsweise auch ein Setra. Dieser Hersteller wirbt auch stark dafür, das könnte Volvo noch etwas üben, denn solche interessanten Features verdienen durchaus entsprechend Aufmerksamkeit.

Ein echtes Alleinstellungsmerkmal besitzt Volvo derzeit mit VDS. Hinter dieser Abkürzung steckt Volvo Dynamic Steering. Und so funktioniert es: Auf dem Lenkgetriebe ist ein elektronisch gesteuerter Elektromotor montiert. Motor und Getriebe arbeiten zusammen. Der Motor hat ein maximales Drehmoment von 25 Nm und wird 2.000 Mal pro Sekunde angesteuert, um die Lenkkraft zu regeln. Der Elektromotor wirkt auf einen Drehstab im hydraulischen Lenkgetriebe. Je weiter der Stab gedreht wird, desto weiter öffnet sich ein Hydraulikventil und verstärkt so die hydraulische Unterstützung. Ein Steuergerät sammelt und verarbeitet Informationen über die Bewegung des Fahrzeugs (Geschwindigkeit etc.). Daraufhin schickt es Signale an den Elektromotor, der den Lenkkraftaufwand des Fahrers entsprechend anpasst. VDS gleicht automatisch Unebenheiten der Fahrbahnoberfläche aus und verhindert Vibrationen und unerwünschte Lenkbewegungen. Das Ergebnis kann sich sehen bzw. fahren lassen. So ist der Lenkkraftaufwand um gut 75 Prozent geringer. Bei schneller Fahrt behält der Bus auch dann seinen Geradeauslauf, wenn die Fahrbahnoberfläche uneben ist, und unterstützt den Fahrer so bei Kurskorrekturen. Während das Fahrzeug in Bewegung ist, kehrt das Lenkrad automatisch in die Mittelstellung zurück, wenn der Fahrer das Lenkrad loslässt. Dies gilt auch für das Rückwärtsfahren, das dadurch deutlich einfacher wird. Im Rahmen der Probefahrt, die der OMNIBUSREVUE durch das Busunternehmen Lang ermöglicht wurde, sowie bei Testfahrten vor wenigen Wochen während des Coach Euro Tests 2019 in Rumänien konnte sich unser Testfahrer von den Vorteilen überzeugen. Tatsächlich: Im direkten Vergleich wirken konventionelle, nur hydraulische Lenkungen schwergängig. Dazu kommt: Jeder, also wirklich jeder, der befragt wurde und der mit VDS gearbeitet hat, will dieses System nicht mehr missen. Der einzige Punkt, an den man sich gewöhnen muss, ist das sehr schnelle Rückstellen der Lenkung in die Neutralstellung.

© Foto: Sascha Böhnke

Für die großen Touren - Teil 2

Geschaltet wird mit dem automatisierten Schaltgetriebe Volvo I-Shift. Dieses Getriebe ist bekannt dafür, dass es auch mit schwierigen Situationen gut umgeht und sauber schaltet. Das galt auch während der Testfahrten. Doch Volvo will mehr als andere Hersteller und bietet eine weitere Besonderheit in Sachen Sicherheit an. Es geht um sogenannte Sicherheitszonen. Der Unternehmer kann bestimmte Bereiche von Städten oder Orten oder sonst wo auf der Welt definieren, in denen der Bus eine definierte Geschwindigkeit nicht überschreiten kann. Das hat der Testfahrer auch erlebt, allerdings, ohne darauf vorbereitet zu werden. Ergebnis: Er vermutete ein Antriebsproblem und steuerte die nächste Haltebucht an. Der Arbeitsplatz im neuen Volvo 9900 ruft zwiespältige Gefühle hervor. Einerseits ist dieser durchaus ergonomisch gestaltet, wirkt hochwertig und bietet zahlreiche Ablagemöglichkeiten, andererseits wurde bei Volvo die Chance verpasst, mit einem neuen Bus auch die – im Lkw schon verfügbare – neue Elektronikstruktur Einzug halten zu lassen. Mit dem Ergebnis, dass die Armaturen doch schon einige Jahre auf dem Buckel haben bis hin zu allen bekannten Unzulänglichkeiten wie einem nur ungünstig zu erreichenden Retarderhebel in Verbindung mit dem zu großen Lenkrad (Es gibt auch eine ergonomische, kleinere Version!). Auch das Zentraldisplay bietet zwar alle relevanten Informationen, diese aber nur einfarbig und ein wenig zu klein. Wen das aber nicht weiter stört, der kann mit diesem Bus sehr gut arbeiten. Auch die Sicht in die Außenspiegel ist ausgezeichnet, das gilt auch für das Einsehen der Bereiche direkt vor dem Bus – so muss es sein. Und auch in der Nacht macht der Volvo 9900 seine Sache gut. Er kommt serienmäßig mit Bi Xenon-Scheinwerfern, LED-Licht ist derzeit nicht zu bekommen. Die Fahrbahnausleuchtung verdient Bestnoten. Und auch das statische Abbiegelicht ist eine gut funktionierende, wichtige Angelegenheit. Nett auch die extra Ausstiegsbeleuchtung an Tür zwei. Gerade Reisebusse halten schließlich des Öfteren an schlecht beleuchteten Stellen. Sehr schön ist die Nachtbeleuchtung im Fahrgastraum. Als sinnvoll hat sich erwiesen, dass die Bodenbeleuchtung auf den ersten Gang-Metern nach dem Schließen der Türen abschaltet, das verhindert wirkungsvoll Blendungen in der Frontscheibe. Der Fahrgastraum soll laut Volvo eine neue Ära in Sachen Fahrgastkomfort einläuten. Nun gut, lassen wir diesen Marketingspruch einmal so im Raum stehen und konzentrieren uns auf die puren Fakten. Da wäre zum einen die durchaus gelungene Fahrgastbestuhlung, die rundherum Wert auf guten Personenhalt legt. USB-Ladedosen verstecken sich hinter den Klapptischen, das ist durchaus praktisch, denn wenn geladen wird, kann man zugleich das Smartphone ablegen. Dass der Boden und damit die Sitzreihen nach hinten ansteigen, ist fast ein Alleinstellungsmerkmal (Van Hool hat auch so einen Bus im Programm) und vielleicht als eine Art Verneigung vor den ehemaligen Drögmöller-Pionieren, von denen das Konzept übernommen wurde, zu verstehen. Tatsächlich hält sich der Nutzen in überschaubaren Grenzen. Die Service-Sets wirken sehr modern, lediglich die Leuchte für den Service-Ruf ist so gut wie nicht zu erkennen. Ansonsten fällt es ehrlicherweise etwas schwer, die Revolution im Fahrgastraum zu erkennen, aber vielleicht muss man dafür einmal als Fahrgast mehrere Tage mit dem 9900 reisen. Gut gefallen aber auf jeden Fall die verwendeten Materialien, die modern und strapazierfähig gleichermaßen gestaltet sind. Und das funktioniert sowohl mit dunklen als auch mit hellen Stoffen, wobei letztere natürlich mit Bedacht gewählt werden sollten. Unser Urteil: Der Volvo 9900 ist ein zeitgemäßer Reisebus, der durchaus in der höchsten Reisebuskategorie anzusiedeln ist. Assistenz- und Sicherheitssysteme befinden sich auf höchstem Niveau, zahlreiche Alleinstellungsmaßnahmen in vielen Bereichen lassen dieses Fahrzeug positiv aus der Masse der Reisebusse hervorstechen. Das Fahrverhalten ist ausgezeichnet, der Kraftstrang gehört zu den gelungensten am Markt überhaupt. Zwar ist das Cockpit nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit, doch gut arbeiten lässt es sich mit diesem Bus allemal. Sehr spannend ist der Fahrzeugpreis, der für einen gut ausgestatteten Dreiachser bei rund 330.000 Euro beträgt und fast schon als Kampfansage zu verstehen ist. Auch optisch sticht der Bus hervor. Insgesamt erhält man einen Bus, mit dem man gut wirtschaften kann. (sab)

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