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Exzellenzinitiative Nachhaltiges Reisen: Ein Siegel Wolkenkuckucksheim

Die Exzellenzinitiative Nachhaltiges Reisen will in Deutschland reisepolitischen Einfluss gewinnen. Aber: Zu welchem Zweck eigentlich?
© Foto: iStock/SolStock

Die Begrifflichkeit liest sich wie Raumschiff Enterprise für Fridays For Future: „Exzellenzinitiative Nachhaltige Reiseziele“. Dahinter verbirgt sich ein Zusammenschluss, der auch in Deutschland für mehr Nachhaltigkeit im Tourismus sorgen will – mittels Zertifizierungen für Reiseveranstalter, Hotels und „sonstige Unternehmen“. Seit 2018 gibt es eine Partnerschaft mit dem Deutschen Tourismusverband (DTV), mit dem man jetzt „die tourismuspolitische Arbeit weiter vorantreiben“ will. Aber ehrlich: braucht man sowas?


Datum:
30.05.2022
Autor:
Judith Böhnke
Lesezeit: 
4 min
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Auf den ersten Blick erscheint eine Zertifizierung in Sachen nachhaltiges Reisen äußerst begrüßenswert. Schließlich will niemand irgendetwas oder irgendjemanden schädigen, nur dadurch, dass er Reisen veranstaltet, ein Hotel betreibt oder – „sonstige Unternehmen“ lassen grüßen – im Reisebusgeschäft unterwegs ist. Gerade innerhalb Deutschlands gibt es im Reisesektor in Sachen Nachhaltigkeit nicht mehr so viel Luft nach oben. Einem grünen Wolkenkuckucksheim ist man hierzulande schon näher, als es sich mancher zu träumen wagen würde – wenn er es denn für sinnvoll und bezahlbar hielte.  

Aber: da Klappern zum Handwerk gehört und der Endkunde auch Endkunde der Marketingaktivitäten diverser „Zusammenschlüsse“ ist, lohnt es sich vielleicht, einen Blick auf die Zertifizierung der Exzellenzinitiative zu werfen. Der exzellent nachhaltig informierte Endkunde fragt ja möglicherweise, ob man so eine Zertifizierung hat – oder warum gerade nicht.

Im Groben lesen sich die Parameter, die im Rahmen der Zertifizierung geprüft werden, recht unschuldig:

  • - Was bleibt im Land, wenn die Reisesaison vorüber ist?
  • - Erhalten die Angestellten fairen Lohn?
  • - Stammen die Speisen und Gerichte, die aufgefahren werden, aus heimischer Produktion?
  • - Wird Müll vermieden bzw. umweltgerecht entsorgt?
  • - Nimmt man als Reiseveranstalter Rücksicht auf natürliche Ressourcen?
  • - Wie viel CO2 fällt pro Reiseteilnehmer an und wird das kompensiert?
  • - …

Wer bei jedem Punkt „na sicher doch, das ist ja wohl selbstverständlich“ gerufen hat, bemerkt spätestens beim letzten Punkt „…“, dass das noch nicht alles ist. Und klickt dann (hoffentlich) die mehrseitigen Pdfs zu Kriterienkatalog, Durchführungsbestimmungen und Preisen an, die auf der Homepage der Exzellenzinitiative runtergeladen werden können. Diese Pdfs offenbaren dann, worum es wirklich geht: um die ultimative Offenlegung sämtlicher Unternehmensdaten – auch der sensibelsten. Nicht mal das Finanzamt will derart viel wissen.

Doch was tut man nicht alles „freiwillig“, um sich bescheinigen zu lassen, dass man „exzellent nachhaltig“ unterwegs ist. Selbst als Kleinstunternehmen mit „bis zu 4,9 Vollzeitstellen“ und selbstverständlich auch zu einem exzellenten Preis. Jährlich. Nebst Verpflichtung, immer alles schön aktuell zu halten, damit die Exzellenzinitiative auch weiß, dass sich am Exzellenzialismus nichts geändert hat. Dass im Zeitalter der Klimarettung viele der propagierten und geförderten Maßnahmen „zur nachhaltigen Entwicklung“ bei Fachleuten heftig in der Kritik stehen und als ganz und gar nicht nachhaltig eigestuft werden, lassen wir an dieser Stelle mal außen vor.

Das soll nicht bedeuten, dass das Thema Nachhaltigkeit im Reisesektor in den Papierkorb gehört. Im Gegenteil. Und es ist auch nichts dagegen einzuwenden, sich in diesem Bereich mal Beratung ins Haus zu holen und zu schauen, an welchen Rädchen man drehen könnte, um hier und da Optimierungspotenzial auszuschöpfen. An irgendeiner Stelle muss das aber auch wirtschaftlich zu rechtfertigen sein, zumal gerade in Deutschland „grüne“ Auflagen so streng und so zahlreich sind wie nirgends sonst. Elitäre Güte-Siegel, deren Legitimation auf willkürlicher Selbsterschaffung beruht, werden die Welt nicht retten. Sie sind allenfalls gut fürs Ego. Die Welt rettet das, was dem Herzblut des Einzelnen entspringt, gerade auch dem Herzblut von Unternehmern. Exzellenzen braucht es dafür nicht.

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