Die E-Bus-Alternative

© Foto: Rüdiger Schreiber

Seit Kurzem hat MAN für die neue Busgeneration des Lion’s City auch einen modernen Gasmotor im Angebot. Die OMNIBUSREVUE ist ihn gefahren.


Datum:
27.06.2020
Autor:
Sascha Böhnke
Lesezeit: 
10 min

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Die Oldenburger Verkehrsbetriebe sind stolz. Stolz darauf, dass ihre Busflotte zu 100 Prozent mit Biogas angetrieben wird. Und VWG-Chef Michael Emschermann erklärte: „Wir sind der umweltfreundlichste Busbetrieb in Deutschland.“ Vor gut vier Jahren haben die Oldenburger ihre Flotte auf Erdgas umgestellt, beste Voraussetzungen also, den neuen MAN Lion’s City 18 G für zwei Jahre im sogenannten Feldversuch testen zu können. Die OMNIBUSREVUE ist nun selbst mit diesem Bus in Norddeutschland unterwegs gewesen.

Zum Design müssen nicht mehr allzu viele Worte verloren werden, im Supertest vor einem halben Jahr wurde der Bus hier ausführlich vorgestellt. Deswegen nur kurz: Der Lion’s City ist für einen Stadtbus außerordentlich erfrischend designt. Die Proportionen stimmen, das stimmt auch für die hier beschriebene Gelenkbus-Version.

Beim Faltenbalg hat sich der Hersteller für die durchscheinende, also die transluzente Variante entschieden. Die lässt tatsächlich jede Menge Licht ins Fahrzeuginnere, das so noch einmal erheblich aufgewertet wird. Allerdings landen im Faltenbalg eben auch Laub und andere Dinge, die dann mit entsprechender Reinigungspower beseitigt werden müssen, sollen sie nicht unschöne Schatten im Inneren werfen.

Als optische Besonderheit besitzt der Bus im Innenraum beleuchtete Trennwände, die entweder in Grün oder Rot beleuchtet werden. Bei Dunkelheit eine nette Abwechslung, am Tag kaum wahrnehmbar. Dennoch: Die Idee ist gut. Passagiere finden im Innenraum maximal 29 Sitz- und 70 Stehplätze vor.

Wie alle neuen Lion’s City kann auch die Gasversion mit dem Hybridmodul MAN EfficientHybrid geordert werden, der Feldversuchsbus besitzt das System. Kernstück des Systems ist der Kurbelwellen-Starter-Generator, eine Elektromaschine, die während des Bremsens kinetische in elektrische Energie umwandelt. Die rekuperierte Energie wird dabei in einem Ultra­Cap-Modul auf dem Fahrzeugdach gespeichert. Die im UltraCap gespeicherte Energie stellt die Bordnetzversorgung unabhängig vom Antrieb sicher, was nicht nur den Gasmotor entlastet, sondern auch das Abstellen des Motors ­während des Fahrzeugstillstands ermöglicht. Durch die Umkehrung der Funktionsweise des Kurbelwellen-Starter-Generators kann der MAN-E18-Motor innerhalb weniger Augenblicke wieder gestartet und bei der anschließenden Beschleunigung mit der Boost-Funktion unterstützt werden. Die neue Motorbaureihe E18 bietet trotz ihres geringeren Hubraums im Vergleich zum Vorgängermodell ein höheres Drehmoment.

Statt aufwendigem SCR-Kat genügt bei der Gas-Variante die einfache Zweiwege-Kat-Variante. Stickoxide sind kein Thema mehr
© Foto: Sascha Böhnke

Der Motor mit der exakten Bezeichnung ...

... E1856 ist ein neu entwickelter Lambda-1-geregelter 9,5-l-Vierventil-Reihensechszylinder-Motor mit 118 mm Bohrung und einem Hub von 145 mm, der speziell für die weltweite Anwendung im Bus vorgesehen ist. Hierfür steht er in den Leistungsklassen 280 und 320 PS (206 bzw. 235 kW) zur Verfügung. Das maximale Drehmoment beträgt dabei 1.200 Nm respektive in der größeren Version 1.400 Nm bei 900 bis 1.500 1/min.

Die Abgasstufe Euro 6d erreicht der E18-Motor mit einer neu entwickelten gekühlten Abgasrückführung in Verbindung mit einem Drei­wege-Katalysator. Das hohe Verdichtungsverhältnis in Verbindung mit der Abgasrückführung soll günstige Verbrauchswerte bei niedrigen Abgasemissionen ermöglichen. Zahlreiche Neuerungen übernimmt er hierfür von dem ebenfalls komplett neuentwickelten 9-l-Dieselmotor D15, wie beispielsweise die geregelte Kühlmittelpumpe und den zweistufigen Luftpresser.

Der Kraftstoff wird in fünf Druckbehältern bei einem Speicherdruck von 200 bar auf dem Fahrzeugdach untergebracht. Die Verwendung von weniger und dafür größeren Behältern spart Gewicht und reduziert den Wartungsaufwand. Zur Auswahl stehen verschiedene Speicherkapazitäten zwischen 1.260 l und 1.875 l. Der Oldenburger Bus besitzt das höhere Fassungsvermögen. 

Wie fährt sich nun die Gasvariante ...

... des Lion’s City? Der erste Eindruck ist gut. Sehr leise setzt sich der Bus in Bewegung, hier spielt der Gasmotor gegenüber einem Diesel seine konstruktions­bedingten Vorteile in Sachen Geräuschminimierung aus. Das hört man auch, wenn man außen steht.

Mit einem Wendekreis von 25 Metern kommt der Gelenkbus auch mit engen Höfen klar, zu beachten gilt allerdings der Knickwinkel von 53,5 Grad, den man besser nicht überstrapazieren sollte.

Das Fahrverhalten ist auch auf schlechten Straßen ausgezeichnet. Der Bus schwimmt nicht und meistert gemeine Fugen und Rillen bravourös. Kein Wunder, denn der Bus kommt sowohl mit einer Einzelradaufhängung vorn als auch mit den neuen PCV-Stoßdämpfern. Durch die Einzelradaufhängung kann der Bus insgesamt weicher gedämpft werden und die hydraulischen Schwingungsdämpfer ermöglichen eine optimale Fahrwerksabstimmung hinsichtlich Fahrkomfort und Fahrzeugstabilität in den typischen Einsatzbereichen wie Anfahren, Überfahren von langen Bodenwellen oder kurzen Hindernissen. Dank eines neuen Ölführungskonzepts stehen dabei deutlich mehr Parameter zur Verfügung, sodass eine spezifische Abstimmung für jede Achsvariante möglich ist.


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Das Fahrverhalten ist auf schlechten Straßen gut. Der Bus schwimmt nicht und meistert Fugen und Rillen bravourös


Zwei Dinge fielen ...

... während der Testfahrt auf: Zum einen dauerte es recht lange, wenn der Motor an Ampeln oder Haltestellen aus war und man das Gaspedal betätigte, bis der Kurbelwellen-Startergenerator reagierte und den Motor startete. Dieser Mangel soll aber im Rahmen von Motor-Updates in diesen Wochen behoben werden, fairerweise muss man MAN solche Anpassungen auch zugestehen, da es sich um ein Versuchsfahrzeug handelt. Das andere war eine recht träge Beschleunigung trotz eigentlich ausgezeichneter Leistungswerte. Auch hier aber gab es im Nachgang die Erklärung, dass es sich um eine bewusste softwareseitige Anfahrdrehmoment­reduzierung handelt, welche je nach Kunden angepasst werden kann.

Eine helle Leuchte ist bei MAN jeder Bus, da spielt es keine Rolle, ob es sich um einen Reise- oder einen Stadtbus handelt. Gute Sicht ist beim Bus immer wichtig. Die neu entwickelten Voll-LED-Scheinwerfer gehören zu den hellsten Leuchten im Feld, das Tagfahrlicht wechselt sich mit der Blinkfunktion ab. Natürlich gibt es auch ein Abbiegelicht
© Foto: Sascha Böhnke

Nach wie vor ausgezeichnet ...

... ist der Fahrerarbeitsplatz. So sitzt man nun höher als bisher, das verbessert zum einen die Übersichtlichkeit und auf der anderen Seite die „Verhandlungsposition“ gegenüber einsteigenden Fahrgästen. Eine sehr große, nach vorn aufschwenkende Fahrerplatztür bietet Platz auch für große Taschen oder Koffer. Diese Tür wird von einem Elektromagneten verriegelt und lässt sich nur öffnen, wenn die Feststellbremse angelegt ist. Eine durchaus praktische Sache.

Als VDV-gelernter Fahrer muss man sich erst einmal an den neuen Instrumententräger gewöhnen. Lenkrad und Träger lassen sich per Taster in Höhe und Neigung verschieben, links und rechts vom Lenkrad sind Schalter in Bediengruppen zusammengefasst. Licht und Elektrik links, Türen und Luft rechts. Der rechte Trägerflügel gibt beim Betätigen der Türtaster relativ stark nach, das dürfte aber auch bei längerer Benutzung nicht zu Materialermüdungs-Erscheinungen führen.

Links neben dem Fahrerplatz gibt es zahlreiche Fächer und Ablagemöglichkeiten für Dokumente, Kleinteile und größere Flaschen. Im hinteren Bereich befinden sich USB-Lademöglichkeiten für Smartphones etc. Die Rundinstrumente sind vom Lion’s Coach bekannt, sie liefern klare Anzeigen. Die Sicht zu den hinteren Türen wird per Kameras ermöglicht, die Monitore dazu sitzen mittig in der Nähe der Innenraumspiegel. Eine durchdachte Angelegenheit.

Unser Urteil

Mit dem Lion‘s City 18 G hat MAN einen Bus im Programm, der zwar in Deutschland nur eine Nische besetzt, dort jedoch Bestwerte abliefert. In Sachen Qualität und Nutzwert steht er seinen Diesel-getrieben Brüdern in nichts nach. Im Gegenteil, wenn, wie es in Oldenburg der Fall ist, Biogas getankt wird, kann er noch einmal mehr Punkten in Sachen Ökologie. Dass der gefahrene Bus in Oldenburg ein sehr frühes Feldversuchsfahrzeug ist, spürte man hin und wieder, gleichzeitig aber verblüfft diese Tatsache, denn seit gut elf Monaten verrichtet der Bus weitgehend störungsfrei und zuverlässig seinen tagtäglichen Dienst. Und so gilt auch für die 18 Meter lange Gas-Version des neuen Lion‘s City: Dieser Bus zeigt, was Fahrzeuge im modernen ÖPNV ausmachen muss, was Betreiber und Fahrgäste erwarten dürfen.

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