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Sprinter City 65: Die Größe im Kleinen

Zum ersten Mal hat ein Minibus an einem vollwertigen Test teilgenommen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn das Fahrzeug muss sich den Anforderungen der „Großen“ stellen.


Datum:
25.09.2008
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Obama ist in der Stadt. Sie wissen schon, der US-amerikanische Präsidentschaftskandidat der Demokraten. Und der Senator spricht an der Siegessäule. Ausgerechnet am 24. Juli, dem Testtermin der OMNIBUSREVUE, an dem auch noch eine Stadtbus-Testpremiere stattfand: Zum ersten Mal schickte ein Bus­hersteller einen Minibus auf eine echte Test­runde. Die trau’n sich was, möchte man fast ausrufen. Schließlich müssen sich sonst nur die 12-m-und-länger-Busse untereinander messen. Passt da ein Kleiner überhaupt rein? Er passt und wie! Denn es gilt: Wer die Minis nicht kennt, hat die Zeit verpennt. Zugegeben, die Blicke der Berliner Busfahrer waren an der Endhaltestelle als eher skeptisch zu interpretieren. Das muss man schließlich auch erst einmal mental schaffen: Den Umstieg vom 4,06 Meter hohen und 13,70 Meter langen Doppeldecker auf den nur 7 Meter kurzen Sprinter City 65. Doch wer sich traut, kann was erleben, denn der Kleine aus der Dortmunder Mercedes-Benz-Minibusschmiede ist ein ganzer Kerl, den man auf keinen Fall unterschätzen sollte. Im Gegenteil, da kommt mal wieder etwas aus Sternenhausen, das den Mitbewerbern gehörig das Leben schwer machen dürfte.

Sprinter City 65

Bildergalerie

Gelungenes Kunststoffkleid

Das beginnt bereits beim Design. Der Sprinter scheint von allen Minibussen aus Dortmund das gelungenste Blech-Kunststoffkleid geschneidert bekommen zu haben. 3-S-Design: Stimmig, schick, sehenswert. Schon die großen, komplett verglasten Türen versprechen eine neue Qualität der Offenheit. Wer Einblick gewährt, hat nichts zu verbergen, so die Botschaft. Und die ist angekommen. Über einem selbsttragenden Aufbau aus Vierkant-Profilen sitzt eine Beplankung aus GFK. Und darunter – also Fahrgestell und Gerippe – haftet eine KTL-Beschichtung. Rost adé, da jubiliert das bisher zu oft rostgeplagte Herz Minibus- und Midibus-erfahrener Unternehmer. Insgesamt wirkt der City 65 überaus propor­tional. Es ist ein Sprinter, aber eben kein Kastenwagen, kein liebloser Fensterbus und auch kein aufgeblasenes Spoiler-Monster. Eher filigrane Glasbläserarbeit. Denn neben den Türen dominiert Glas das Gesche­hen, wohin man auch schaut. Gut gefiel die weit nach oben gezogene Frontscheibe. Hier findet die Fahrtzielanzeige hinter der Scheibe ihren Platz, dennoch gut von außen einsehbar. Allerdings wird dadurch der ungetrübte Sehspaß der Fahrgäste im ­Inneren nach vorn getrübt. Besonders, wenn man im hinteren, höheren Bereich sitzt. Aber dann bleibt ja noch die Betrachtung der Straße zur Seite. Oder die Bewunderung des Innenraums. Der ist nämlich ein echtes Handmade-Produkt. Alles sitzt fest, nichts klappert und die Verarbeitung ist Spitze. Auch die Haltestangen wirken, als würden sie nach vier Jahren noch halten. Das werden sie wahrscheinlich sogar. Überhaupt erinnert vieles an den großen Bruder Citaro. Beispielsweise das modulare Deckenkonzept oder die beiden Lichtleisten. Das ist schlau, denn erstens hat der Citaro mittlerweile einen äußerst guten Ruf, von dem sich prächtig profitieren lässt und zweitens spart es Geld, wie beim Gleichteil Heckleuchte.

Hineinspaziert

Ins Innere gelangt man wahlweise durch die doppelbreite Außenschwingtür, dann sind vom Boden ohne Bordstein lediglich 340 mm Höhe zu überwinden. Die Alternative ist die 700 mm breite Hecktür. Zwar schwärmt der Hersteller hier von einer Antrittshöhe von nur 250 mm, verschweigt dabei aber die beiden Stufen, die anschließend noch genommen werden müssen, denn im Gegensatz zum Auwärter-Sprinter erstreckt sich der Niederflurbereich bei Mercedes-Benz nur auf den vorderen Bereich. Hier befinden sich die Stehplätze, ein Rollstuhlplatz und drei Klappsitze. Die restlichen Fahrgastsitze sind im erhöhten hinteren Teil des City 65 an­geordnet. Aber Achtung: Es wird Änderungen geben. So soll der NF-Bereich um 20 cm vergrößert werden, der Mittelgang wird abgesenkt und es wird im Heck nur noch eine Stufe zu überwinden sein. Mehr dazu auf der IAA in Hannover. Thema Klima. Hier ist ausreichend vorgesorgt. Die Aufdach-Klimaanlage bringt mit 8 kW ordentlich Abkühlung, 7 kW leistet dann noch einmal die Fahrerplatz-Klimaanlage Tempmatik. Damit auch im Winter alles im wohltemperierten Bereich bleibt, wurde eine Warmwasser-Zusatzheizung mit einer Leistung von 5 kW installiert. Zusätzlich bläst ein Lüfter warme Luft in den Raum vor der Doppeltür. Den Fahrer erwarten keine größeren Überraschungen. Der Sprinter-Arbeitsplatz wurde nur unwesentlich um einige bustypische Komponenten erweitert. Dazu gehören rechts neben dem Lenkrad die beiden Taster für die Türen. Es gibt auch eine Haltewunschanzeige, die aber fällt deutlich zu unscheinbar aus. Den recht leisen Signalton hört man und vergisst ihn im Trubel der Stadt sofort wieder. Links am Armaturenbrett befindet sich ein kleiner Kasten, über den die Klimatisierung des Fahrgastraumes gesteuert wird. Wirkt einfach, ist es auch – und funktioniert bestens. Leider wurde hier ein „Fahrer-bück-dich“-Modul verbaut. Der digitale Fahrtenschreiber sitzt nämlich an einer für die ständige Bedienung eher ungünstig tiefen Position. Dafür ist die Ergonomie des übrigen Cockpits gut. Dadurch, dass der Bus übersichtlich ist, ist es auch die Sicht.

Und dann zeigte der Kleine Größe

Doch wie schlägt sich der Sprinter City 65 nun in der Praxis? Hier kommt wieder Barack Obama ins Spiel. Der sprach nämlich an besagtem Termin an der Berliner Siegessäule, die eigentlich fester Durchfahrtbestandteil des Tests ist. Also galt es, eine Umleitung über den Potsdamer Platz zu nehmen. Und da zeigt der Kleine Größe. Denn geänderte Fahrtrouten, womöglich noch durch eher busuntaugliche Engstraßen, stellen kein Problem dar. Wendig, schmal und schnell sind die wesentlichen Fahreigenschaften des Busses. Auch zugeparkte Busspuren oder die geliebten Radfahrer quittiert der City 65 nur mit einem leichten Schwenker nach links. ­Etwas langatmig gestaltet sich das Öffnen und Schließen der elektrischen Türen. Wenn es zeitlich eng wird, zählt nun einmal jede Sekunde. Fahren lässt sich der Sprinter extrem sportlich. Die Beschleunigung ist voll beladen ein Genuß, allerdings zieht die Wandler­automatik die Gänge recht hoch und auch bei sanftem Beschleunigen verharrt sie auffällig oft in den unteren Gängen. Bevor das ESP bei schnellen Kurvenfahrten eingreift, dürften die Fahrgäste bereits kapituliert haben, dafür soll es, wenn es denn eingreift, mächtig kommen. Im Test haben wir diese Situation ­jedoch auf der Kreisbahn nicht provoziert, das Risiko, im Kiesbett zu landen, wollten wir nicht eingehen. Hier sichern die großen Busbrüder deutlich fahrgastorientierter. Ein Genuß hingegen ist die ausgezeichnete Bremsleistung des Retarders, auch wenn man den Bedienhebel erst einmal suchen muss.

Fazit

Insgesamt macht der Sprinter City 65 eine für seine Größe erstaunlich gute Figur. Mal ganz zu schweigen vom Durchschnittsverbrauch, der beim extremen Stadteinsatz 27 Liter auf 100 Kilometer betrug. Das ist knapp die Hälfte dessen, was ein 12-m-Bus schluckt. Dabei kann er immerhin bis zu 28 Fahrgäste befördern. Damit ist er garantiert kein Ersatz, aber mit Sicherheit eine sinnvolle Ergänzung oder eine interessante Alternative auf fahrgastschwachen Linien. Er ist ein Schritt hin zur Individualisierung des ÖPNV.
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