Erfahrungen aus dem In- und Ausland zeigten, dass der politisch gewünschte Umstieg vom PKW auf den ÖPNV bei Einführung eines ÖPNV-Nulltarifs erheblich geringer sei als bei einer Verbesserung von Qualität und Quantität des Angebotes. Ohne kundenbezogene Angebotsverbesserungen finde bei Einführung eines Nulltarifes vor allem ein überproportionaler Umstieg von Fahrgästen des Umweltverbundes (Fußgänger und Radfahrer) auf den ÖPNV statt.
Der nur mit enorm hohem finanziellen Aufwand realisierbaren Einführung eines Nulltarifs stände ein verkehrspolitisch fragwürdiges Ergebnis gegenüber. „Eine Verkehrswende zugunsten des umweltfreundlichen ÖPNV funktioniert am effektivsten mit Attraktivitätssteigerungen“, betont VDV-Präsident Jürgen Fenske. Die Forderung nach einem kostenlosen beziehungsweise durch Steuergelder finanzierten Nahverkehr sei daher absurd, falsch und ungerecht. „Absurd, weil es heute schon im Nahverkehr große Finanzierungsprobleme aufgrund der angespannten Situation öffentlicher Haushalte gibt. Falsch, weil der Nahverkehr dann zu 100 Prozent staatlich finanziert würde und ein unternehmerischer ÖPNV damit zu einem behördlichen ÖPNV würde. Und ungerecht, weil über höhere Abgaben und Steuern alle Bürger für den Nahverkehr zahlen müssten.“
Das Geld könne effizienter zur Steigerung der Attraktivität des ÖPNV eingesetzt werden, so der VDV. Der Verband rechnet bei der Einführung eines Nulltarifs im ÖPNV mit einem Anstieg der Fahrgastzahlen von durchschnittlich mindestens 30 Prozent. Das wäre ein solcher Nachfragezuwachs, dass die Verkehrsunternehmen vielerorts zu bestimmten Zeiten weder genügend Fahrzeuge noch ausreichend Personal zur Verfügung hätten. Die heute schon stark ausgelastete und an einigen Stellen veralterte Infrastruktur würde dort unter einer solchen Mehrbelastung auf Dauer zusammenbrechen. „Wir fahren jetzt schon in den Ballungsräumen und Großstädten teilweise an der Kapazitätsgrenze. Durch den Nulltarif würden auf einen Schlag etliche Millionen zusätzliche Fahrgäste den Nahverkehr nutzen. Dadurch wären weitere hohe Investitionen aus öffentlichen Mitteln nötig, denn es müssten Fahrzeuge gekauft, Personal eingestellt und Haltestellen, Bahnhöfe, etc. umgebaut werden. Von zusätzlichen Strecken, die neu gebaut werden müssten, ganz zu schweigen“, erklärt Fenske. In den vom VDV berechneten zwölf Milliarden Euro pro Jahr seien die Kosten dieser milliardenschweren zusätzlich bereitzustellenden Infrastruktur noch gar nicht enthalten.
Für den deutschen Nahverkehr, da sind sich die VDV-Mitgliedsunternehmen einig, kann es daher auch in Zukunft nur bei den seit Jahrzehnten etablierten Finanzierungssäulen bleiben: Auf der einen Seite müssten Bund, Länder und Kommunen eine angemessene Mitfinanzierung des ÖPNV sicherstellen. Und auf der anderen Seite zahlt der Kunde seinen Fahrschein, darauf können die Unternehmen nicht verzichten, so der VDV abschließend. (ah)
VDV bezweifelt den Nutzen des Nulltarifs im Nahverkehr
Nach Berechnungen des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) würde die Einführung eines Nulltarifs allein im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) die öffentlichen Kassen um jährlich mindestens zwölf Milliarden Euro mehr belasten.