Mit Volz Reisen scheidet nicht irgendein Verkehrsunternehmen aus dem Markt aus“, sagte WBO-Präsident Franz Schweizer am Freitag, 31. Juli, am Sitz von Volz Reisen in Calw-Hirsau. „Wir verlieren ein erfolgreiches, mittelständisches Familienunternehmen, das über Generationen Verantwortung für Mobilität übernommen und den öffentlichen Verkehr in seiner Region maßgeblich geprägt hat. Das sollte uns verkehrspolitisch nachdenklich stimmen.“ Nach 98 Jahren endete zum 31. Juli 2026 die traditionsreiche und erfolgreiche Geschichte eines tief in der Region verwurzelten privaten Omnibusunternehmens in Baden-Württemberg.
"Der öffentliche Nahverkehr braucht Wettbewerb. Er braucht aber ebenso Unternehmertum. "
WBO-Geschäftsführerin Yvonne Hüneburg
Immer weniger Spielraum für Mittelständler
Der öffentliche Nahverkehr hat sich laut WBO in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Verkehrsangebote werden heute weitgehend von den Aufgabenträgern geplant, in Leistungsbeschreibungen vorgegeben und im Vergabeverfahren vergeben. Für mittelständische Familienunternehmen blieben damit „immer weniger Möglichkeiten, Verkehre aus eigener unternehmerischer Verantwortung heraus zu entwickeln und langfristig zu gestalten“. Der WBO sieht darin eine Entwicklung, die weit über den Einzelfall hinausweist und wirbt deshalb für eine stärkere Ausrichtung der verkehrspolitischen Rahmenbedingungen auf langfristige unternehmerische Perspektiven. Dazu gehören „verlässliche Investitionsbedingungen, eine größere Offenheit für unternehmerische Lösungen bei der Verkehrsplanung sowie Vergabemodelle, die mittelständischen Unternehmen auch künftig Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen“.
ÖPNV braucht Unternehmertum
„Der öffentliche Nahverkehr braucht Wettbewerb. Er braucht aber ebenso Unternehmertum. Beides gehört zusammen. Mittelständische Busunternehmen waren und sind Innovationstreiber, Investoren und verlässliche Partner der öffentlichen Hand. Wo unternehmerische Gestaltungsmöglichkeiten verloren gehen, verliert der ÖPNV einen Teil seiner Stärke. Die Mobilitätswende wird nur gelingen, wenn Politik und Aufgabenträger den unternehmerischen Mittelstand nicht lediglich als Auftragnehmer verstehen, sondern als eigenständigen Partner – auf Augenhöhe – begreifen,“ fasste WBO-Geschäftsführerin Yvonne Hüneburg die Situation zusammen.
"Gisela Volz gehört zu den Persönlichkeiten, die das Busgewerbe nie allein aus der Perspektive des eigenen Unternehmens betrachtet haben."
WBO-Präsident Franz Schweizer
Gisela Volz als prägende Unternehmerpersönlichkeit
Mit der Einstellung des Betriebs von Volz Reisen endet zugleich das unternehmerische Wirken von Gisela Volz, „einer Persönlichkeit, die das private Omnibusgewerbe in Baden-Württemberg über Jahrzehnte entscheidend mitgeprägt hat“, so der WBO. Gisela Volz hat das Unternehmen nicht nur erfolgreich geführt, sondern sich weit über den eigenen Betrieb hinaus für die Belange der privaten Omnibusunternehmen engagiert. Über Jahrzehnte wirkte sie als Vorstandsmitglied, stellvertretende Vorsitzende und Vorsitzende des WBO in Baden-Württemberg. Darüber hinaus war sie über viele Jahre Vorstandsmitglied des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmen (bdo) und dessen Vizepräsidentin.
Busgewerbe nicht nur vertreten, sondern wesentlich mitgeprägt
Seit 1996 ist Volz zudem Geschäftsführerin der Verkehrsgesellschaft Bäderkreis Calw (VGC) und wird ihre Expertise auch künftig im Rahmen dieser Tätigkeit der Branche zur Verfügung stellen. „Dr. Gisela Volz gehört zu den Persönlichkeiten, die das Busgewerbe nie allein aus der Perspektive des eigenen Unternehmens betrachtet haben. Sie denkt in historischen Entwicklungen, in wirtschaftlichen Zusammenhängen und in langfristiger Verantwortung. Sie hat unser Gewerbe nicht nur vertreten, sondern wesentlich mitgeprägt. Dafür schuldet ihr die gesamte Branche großen Dank und höchsten Respekt“, würdigte WBO-Präsident Franz Schweizer die Leistung von Gisela Volz.
"Wenn Unternehmen wie Volz Reisen keine Zukunftsperspektive mehr sehen, müssen sich Politik und Aufgabenträger die Frage gefallen lassen, wie viel unternehmerische Vielfalt sie künftig noch erhalten wollen."
WBO-Geschäftsführerin Yvonne Hüneburg
Rückkehr in das Familienunternehmen
Auch als Unternehmerin habe Gisela Volz Maßstäbe gesetzt, so der WBO. Nach ihrer wissenschaftlichen Ausbildung und internationalen Forschung in London, Berlin, Chicago und Oxford entschied sie sich bewusst für die Rückkehr in das Familienunternehmen. Dort verband sie wirtschaftlichen Erfolg mit einem hohen kulturellen Anspruch, entwickelte anspruchsvolle Reiseprogramme und führte den Betrieb über Jahrzehnte mit großer Verantwortung für Beschäftigte, Kunden und Region. Für ihre unternehmerischen und ehrenamtlichen Verdienste wurde sie unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande sowie der Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet.
Mittelstand hat den ÖPNV aufgebaut und geprägt
Für den WBO markiert das Ende des Unternehmens Volz Reisen deshalb mehr als das Ausscheiden eines traditionsreichen Betriebes aus dem Markt: „Wenn Unternehmen wie Volz Reisen keine Zukunftsperspektive mehr sehen, müssen sich Politik und Aufgabenträger die Frage gefallen lassen, wie viel unternehmerische Vielfalt sie künftig noch erhalten wollen. Der Mittelstand hat den öffentlichen Nahverkehr über Jahrzehnte aufgebaut und geprägt. Er muss mit seiner Kompetenz in Sachen Wirtschaftlichkeit und Effizienz auch künftig eine tragende Säule des Systems bleiben, damit den Nutzerinnen und Nutzern auch künftig ein stabiles, verlässliches und bezahlbares ÖPNV-Angebot zur Verfügung steht insbesondere im ländlichen Raum. Das verantworten das Land und die ÖPNV-Aufgabenträger wesentlich mit“, erklärte WBO-Geschäftsführerin Yvonne Hüneburg.