„Hamburg zeigt, dass der Schritt vom Pilotprojekt in den Regelbetrieb gelingen kann bei der Elektrifizierung unserer Busflotten ebenso wie bei der Vernetzung von Mobilitätsangeboten. Jetzt müssen wir diesen Weg beim autonomen Fahren konsequent weitergehen“, forderte Anjes Tjarks (Grüne), Verkehrssenator der Freien und Hansestadt Hamburg, auf dem International Busforum des DVF auf der diesjährigen InnoTrans. Bei diesem Forum machten Branchenvertreter und Politik deutlich, dass die marktreifen Innovationen für einen automatisierten Betrieb, E-Mobilität und Vernetzung jetzt gemeinsam skaliert und zügig in den Regelbetrieb übernommen werden müssen.
Einheitlichere Genehmigungsverfahren und Standards
Innovation sei „ein wichtiger Hebel, um den ÖPNV leistungsfähiger, verlässlicher und langfristig auch wirtschaftlicher zu machen“, sagte Tjarks. „Dafür brauchen wir weniger Sonderwege, schnellere und einheitlichere Genehmigungsverfahren, gemeinsame Standards und starke Partnerschaften zwischen öffentlicher Hand, Verkehrsunternehmen und Wirtschaft. Unser Ziel muss sein, Innovationen nicht nur in Deutschland zu entwickeln und zu erproben, sondern sie auch hier in den Regelbetrieb zu bringen und zu skalieren." Marc Hermann, DVF-Präsidiumsmitglied, Vorstand Technik und Infrastruktur der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), fügte hinzu, es reiche nicht aus, lediglich den Status quo abzusichern. „Erfolgreiche Beispiele wie die Elektrifizierung der Busflotten, das Deutschlandticket oder Jelbi zeigen, dass Innovationen zusätzliche Nachfrage, mehr Effizienz und einen höheren gesellschaftlichen Nutzen schaffen können.“
Autonomes Fahren in Deutschland
Kim Johanna Kohlmeyer, Head of Berlin Office & Strategic Communication, CTO Office, MAN Truck & Bus, warnte davor für jede Stadt das Rad neu zu erfinden. „Wir brauchen übertragbare Konzepte statt Insellösungen und Modellregionen, die zum Sprungbrett für die Fläche werden. Sonst pilotieren wir in Deutschland, während andere skalieren.“ MAN zeige mit Projekten wie Minga, BeIntelli und Atlas-L4 was autonomes Fahren im Güter- und Personenverkehr leisten kann. „Level 4 muss raus aus dem Pilotprojekt und rein in den skalierbaren Regelbetrieb. Bei der angespannten Finanzlage der Kommunen wird dieser Hochlauf nicht von allein gelingen. Wer autonomen Nahverkehr in der Fläche will, muss bereit sein, die Kommunen für den Markthochlauf finanziell zu unterstützen“, sagte Kohlmeyer.
Regulierung weiterentwickeln
Christoph Ziegenmeyer, Vice President Communications & Public Affair bei Moia, sagte, es gehe jetzt s darum, „die Regulierung konsequent weiterzuentwickeln und die Voraussetzungen für einen großflächigen Rollout zu schaffen. Entscheidend sind dabei insbesondere bundesweit harmonisierte Betriebsbereichsgenehmigungen, damit autonome Mobilitätsangebote einfacher über einzelne Modellprojekte hinaus skaliert werden können“. Gleichzeitig gelte es, „noch offene regulatorische Detailfragen, etwa im Verhaltensrecht für autonome Fahrzeuge, praxistauglich zu lösen“.
On-Demand-Verkehre mit klassischem ÖPNV verzahnen
On-Demand-Verkehr in Deutschland zeige, „wie Innovation erfolgreich in die Fläche gebracht werden kann - eng verzahnt mit dem lokalen ÖPNV und genehmigungsseitig als gleichwertige Säule des Nahverkehrs anerkannt“, sagte Xanthi Doubara, Managing Director DACH Via Mobility. Doch nur wenige Beispiele hätten es bisher in die kommunale Regelfinanzierung geschafft, das müsse in der Breite gelingen. Es brauche „klare regulatorische Leitplanken für eine schnelle und zielgerichtete Skalierung im Realbetrieb, eine integrierte Planung aller Verkehrsformen und eine Anschubfinanzierung, die die Phase überbrückt, bis autonome Fahrzeuge günstiger sind als menschlich gefahrene“. Ziegenmeyer zeigte sich überzeugt, dass die Integration autonomer On-Demand-Verkehre in den öffentlichen Nahverkehr gerade in Europa großes Potenzial habe.
ÖPNV im ländlichen Raum
Für Uber ist die Mobilität im ländlichen Bereich ein wichtiges Thema. Friedrich Kabler, Manager Public Policy, Uber Deutschland, zeigte, dass gerade das letzte Stück in der Reisekette im ländlichen Raum insbesondere zu Tagesrandzeiten nicht gut angebunden sei. Das Angebot sei oftmals ungenügend. „Wir haben zusammen mit Gemeinden das Projekt "letzte Meile" entwickelt. Über unsere App kann der Fahrgast vom Bahnhof die letzte Meile, also tatsächlich 2,5 km, für einen attraktiven Pauschalpreis mit dem Uber nach Hause fahren. Aber wir bieten auch längere Distanzen vom Bahnhof bis nach Hause an.“
Innovative Lösungen bei Soft- und Hardware
„Im ÖPNV stehen wir vor tiefgreifenden Veränderungen: Künstliche Intelligenz kann Abläufe automatisieren, Planung und Disposition unterstützen und knappe Ressourcen effizienter einsetzen. Autonomes Fahren wird nicht nur auf dem Betriebshof für neue Möglichkeiten und Herausforderungen sorgen“. sagte Bastian Dittbrenner, Geschäftsbereichsleiter Public Transport bei IVU Traffic Technologies. Neue Fahrzeuge stellte Uwe Bittroff, Geschäftsführer Mobility Road, Hübner Group, vor. „Bei Hübner entwickeln wir neue Lösungen wie die Lenktechnologie für High-Capacity-Busse, um den öffentlichen Verkehr leistungsfähiger und zukunftsfähig zu machen. Im internationalen Vergleich beobachten wir allerdings in Deutschland und Europa bei der Umsetzung innovativer ÖPNV-Konzepte oft zu viel Zurückhaltung. Dabei verfügen wir hierzulande über die technischen Voraussetzungen, die wir brauchen, um den ÖPNV mit wirtschaftlicheren Systemen zu skalieren. Helfen würden uns gezielte Förderung, weniger bürokratische Hürden und mehr Mut.“