Kritik an Öffnungs-Fahrplan: Reisebusse sollen als Letzte rollen dürfen

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Drei Bundesländer haben Vorschläge zu einem schrittweisen Wiederanfahren des Tourismus vorgelegt. Diese beinhalten weder einen konkreten Zeitplan noch eine akzeptable Exitstrategie für das Busgewerbe.


Datum:
30.04.2020
Autor:
Sascha Böhnke
Lesezeit: 
5 min

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Fast sämtliche Beschränkungen der vergangenen Wochen sollen auch weiterhin bis zum 10. Mai gelten. Lediglich Gottesdienstbesuchesollen erlaubt werden, Spielplätze, Museen und Zoologische Gärten können unter Auflagen wieder geöffnet werden. Das erklärte heute Angela Merkel während einer Pressekonferenz, auf der die neuesten Beschlüsse von Bund und Ländern in der Corona-Krise vorgestellt wurden. Die größere Diskussion über weitere Öffnungsschritte werde erst bei der nächsten Beratung am 6. Mai erfolgen. Bis dahin wurden unter anderem Entscheidungen über die Öffnung von Schulen und Kitas sowieso die Fortsetzung der Fußball-Bundesliga vertagt. Die Bereiche Tourismus, Reisen und Gastronomie sollen erst in der zweiten Mai-Hälfte beraten werden und seien “jetzt noch nicht auf der Agenda“, soMerkel.

Unterdessen wurde überraschend ein Drei-Phasen-Konzept zum Wiederanlauf der Freizeit- und Tourismusbranche bekannt. Der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (bdo) hält die Pläne der Bundesländer Baden-Württemberg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen für eine Rückkehr zu Reise- und Freizeitaktivitäten für weder nachvollziehbar noch sachgerecht. Der Verband sieht die Einordnung der Bustouristik in der dritten und letzten Kategorie zusammen mit großen Veranstaltungen als nicht schlüssig. Vielmehr ruft der bdo nach einer Gleichbehandlung mit Hotellerie und Gastronomie, mit denen die Busbranche inhaltlich eng verbunden ist. Die Einordnung der Busreisen muss daher in Stufe 2 erfolgen. Zudem regt der bdo an, betroffene Branchen und Akteure in die Suche nach einer bundesweit einheitlichen Lösung einzubeziehen. Ein Flickenteppich von schlimmstenfalls einzelnen Länderregelungen muss unbedingt vermieden werden.

Zu dem vorgeschlagenen Drei-Stufen-Plan sagte Christiane Leonard, Hauptgeschäftsführerin des bdo am Mittwoch in Berlin: "Wir begrüßen es grundsätzlich, dass nun immerhin Ideen auf den Tisch kommen, wie den Bürgerinnen und Bürgern wieder Reise- und Freizeitaktivitäten möglich gemacht werden können. Den vorliegenden Vorschlag halten wir inhaltlich aber nicht für schlüssig und sehen es sehr kritisch, dass die Busunternehmen hierbei erneut so weit hintenangestellt werden. Wir können nicht nachvollziehen, dass Reisen von kleinen Gruppen in Bussen – mit zum Teil gerade einmal 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmern – jetzt in einen Topf mit großen öffentlichen Veranstaltungen mit hunderten oder tausenden Gästen geraten sind. Wir gehören gemeinsam mit den wesensverwandten Branchen Hotellerie und Gastronomie in Stufe 2. Als Busbranche unterstützen wir weiterhin alle Maßnahmen, die dem Gesundheitsschutz der Bürgerinnen und Bürger dienen. Viele Unternehmen entwickeln bereits entsprechende Konzepte, um Reisen unter den veränderten Bedingungen der Corona-Pandemie anbieten und durchführen zu können. Dafür braucht es aber einen schlüssigen Rahmen, der klare Orientierung und Fairness schafft. Wir fordern ein Gesamtkonzept der Bundesregierung und keine unabgestimmten Vorstöße einzelner Bundesländer, die bei den Bürgern zu weiterer Verunsicherung führen."

Wie ernst es um die Busbranche tatsächlich steht, zeigte gestern auch eine Bus-Demonstration in Dresden, an der 46 Unternehmen mit 50 Reisebussen teilnahmen. Unter dem Motto „Rettet die Tourismuswirtschaft“ ging ein Buskorso zum sächsischen Landtag. Ziel war es, vor dem Hintergrund von Lockerungsdiskussionen im öffentlichen Leben auf die dramatische Situation im Tourismus hinzuweisen. Bereits seit Ende Februar wurden die Reisebüros und Reiseveranstalter von einer gewaltigen Stornierungswelle überrollt, Reiseleiter und touristische Leistungsträger haben keine Aufträge mehr und aufgrund der in den Allgemeinverfügungen ausgesprochenen Verboten der Durchführung von Reisebusreisen stehen aktuell mehr als 8.000 Reisebusse in Deutschland abgemeldet und ohne Perspektive in den Unternehmen. Die wirtschaftliche Situation in der Branche spitzt sich aktuell zu, da nicht nur die Einnahmen der letzten 7 Wochen weggebrochen sind, sondern Investitionen und Vorleistungen in die aktuelle Reisesaison, welche in den letzten 6 Monaten getätigt wurden, komplett vernichtet sind. Zum Buskorso wurden nur 50 Fahrzeuge zugelassen. Mit-Organisator Rene Lang von Lang Reisen im Erzgebirge erklärte dazu: "Mehr als 250 Anmeldung lagen vor, aber es ging schlussendlich darum ein Zeichen zu setzen, aber auch Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. Daher wurde die Teilnahme strikt auf 50 Reisebusse beschränkt. Dieses Signal wurde auch durch die sächsische Landesregierung, in Vertretung durch die sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus Frau Barbara Klepsch, sowie Vertreter der parlamentarischen Mitte aufgegriffen und betont, man habe die Unternehmen im Blick. Nach Einschätzung der Branchenverbände sehen sich zurzeit 2/3 der Reiseveranstalter und Reisebüros sowie 80 Pozent der touristisch aufgestellten Reisebusunternehmen in den nächsten Wochen in ihrer Existenz gefährdet. 

Thomas Möbius von Möbius Bus sagte im Gespräch mit der OMNIBUSREVUE: "Wir haben 31 Mitarbeiter, die im April mit 100 Prozent Kurzarbeit zu Hause sind. In unserem Unternehmen haben wir noch nie so wenig Einnahmen gehabt wie zur Zeit, also Null, das gab es noch nie. Wir stehen kurz vor dem Ende. Da brauchen wir uns nichts vorzumachen oder schönzureden." Ähnlich dramatisch sieht es bei vielen Unternehmen aus, weshalb den Teilnehmern in Dresden klar war, durch ihren lautstarken und optisch deutlichen Auftritt soll Politik und Öffentlichkeit für dieses wichtige Thema sensibilisiert werden.

Einen ausführlichen Filmbeitrag von BUS TV zum Buskorso gibt es unter diesem Link zu sehen.

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KOMMENTARE


Hereth Burkhard

02.05.2020 - 16:55 Uhr

Ich Halte weiterhin zu Lang Reisen und hoffe das es bald wieder Losgeht.


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